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Merken   Drucken   17.01.2006, 19:56 Schriftgröße: AAA

Dossier: Deutsche Biotechbranche mischt wieder mit   

Das Hamburger Biotechnologieunternehmen Evotec und der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim haben ihre Forschungskooperation bis Ende 2008 verlängert und ausgeweitet. Die Firmen suchen gemeinsam nach neuen Medikamenten gegen Erkrankungen des zentralen Nervensystems. von Peter Kuchenbuch, Andre Tauber, Hamburg, und Ludger Wess, München
Ein Mitarbeiter des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim überwacht ...   Ein Mitarbeiter des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim überwacht die biopharmazeutische Wirkstoffherstellung
Boehringer erhalte dabei die Rechte an den identifizierten Substanzen und sei für alle weltweiten Aktivitäten der klinischen Entwicklung und Vermarktung verantwortlich, hieß es gestern. Beteiligt sind Arbeitsgruppen aus beiden Unternehmen.
Pharmakonzerne und Biotechunternehmen rücken immer enger zusammen. Die Innovationskrise der Pharmabranche zwingt die großen Konzerne dazu. Auf vielen Forschungsfeldern, insbesondere bei Krebstherapien, steigt die Nachfrage aus der Industrie nach attraktiven Produkten, Forschungskooperationen und Dienstleistungen.
Die Anzeichen mehren sich, dass die deutsche Biotechbranche 2006 ihr bestes Jahr seit dem Börsencrash Ende 2000 haben wird. Vorausgesetzt, die klinischen Studien laufen nach Plan. Sollten sie erfolgreich sein, werden die Firmen millionenschwere Prämien von ihren Vertragspartnern aus der Industrie bekommen. Werden die Erwartungen erfüllt, steigt auch die Stimmung an den Finanzmärkten.
Deutsche Firmen weiten ihr Geschäft aus
Schritt für Schritt nutzen deutsche Firmen das durch Kooperationen und Finanzierungsrunden eingesammelte Kapital für die Ausweitung und Stärkung ihres Geschäfts. Mit seinem mittlerweile zweiten Zukauf in Großbritannien verstärkte sich Morphosys  vergangene Woche. Das Martinsrieder Unternehmen übernimmt für rund 30 Mio. Euro die in Privatbesitz befindliche Serotec-Gruppe.
Wenige Tage zuvor hatte die Münchner Firma Micromet durch die Übernahme der Mehrheit am kalifornischen Biotechunternehmen Cancervax den Sprung an die amerikanische Technologiebörse Nasdaq geschafft. Und Evotec hat sich vor wenigen Tagen die Rechte an zwei Produktkandidaten des Schweizer Pharmakonzerns Roche gesichert.
Zudem wächst das Interesse von US-Investoren an europäischen Firmen, weil sie gegenüber den amerikanischen Wettbewerbern als weitgehend unterbewertet gelten. Entwickeln sich die Märkte günstig, könnten 2006 weitere Firmen an die Börse gehen. Als Kandidaten gelten Biofrontera, Wilex und Curacyte. Evotec-Chef Jörn Aldag war gerade bei der größten Biotech-Investorenkonferenz in den USA. "Die Stimmung für Biotechnologie-Aktien war dort erfreulich positiv. Dabei haben uns amerikanische Investoren klare Anzeichen dafür gegeben, sich verstärkt auf europäische Biotechnologietitel zu konzentrieren", sagt Aldag über die Veranstaltung von JP Morgan in San Francisco. Zusammen mit einem voraussichtlich starken Geschäftsverlauf verspricht sich Aldag für Evotec und den Sektor insgesamt eine gute Entwicklung im laufenden Jahr.
Biotechfirmen stärken Verhandlungspositionen
Die Biotechfirmen haben wegen ihres Innovationspotenzials und des Andrangs aus der kriselnden Pharmabranche ihre Verhandlungsposition gegenüber den Konzernen gestärkt. Statistisch gesehen sind die Produkte aus der frühen und mittleren klinischen Entwicklung in den vergangenen 24 Monaten gegenüber dem Vergleichszeitraum 2002/03 um durchschnittlich etwa 40 Prozent teurer geworden, so die Marktforscher von Recombinant Capital.
Der aktivste Rechtekäufer war im vergangenen Jahr der Pharmakonzern Novartis. 4 der 15 größten Biotech-Kontrakte gehen auf das Konto des Schweizer Unternehmens, das auch Großaktionär von Morphosys ist.
Die Aufmerksamkeit der Arzneimittelhersteller wird sich 2006 auch auf Neurobiotec aus Berlin und IDEA aus München richten, die mit Ergebnissen für Medikamentenkandidaten in der letzten Stufe der Erprobung rechnen.
Auf Ergebnisse aus der mittleren zweiten Phase der klinischen Entwicklung hoffen Biofrontera, Curacyte, Elbion, Heidelberg Pharma, Micromet und Wilex. Jerini könnte einen Zulassungsantrag für Icatibant stellen.
GPC Biotech aus München erwartet für das erste Quartal eine Zwischenauswertung der klinischen Versuche seines Krebsmedikaments Satraplatin, das sich in einer Zulassungsstudie zur Behandlung von Prostatakrebs befindet.

Deutsche Biotech-Werte dürften 2006 neuen Schwung bekommen
Medigene  hat einen Zulassungsantrag für die Genitalwarzensalbe Polyphenon bei der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA eingereicht. Ob die Münchner Firma auf dem kürzesten Weg ans Ziel kommt, wird sich im laufenden Jahr zeigen.
GPC Biotech  wird zusammen mit der US-Pharmafirma Pharmion den Krebswirkstoffs Satraplatin vermarkten, so sieht es der Vertrag vom Dezember vor. Pharmion zahlt 37,1 Mio. $ vorab. Läuft alles nach Plan, könnte GPC bis zu 270 Mio. $ einnehmen.
Epigenomics  musste 2005 starke Kursverluste hinnehmen, nachdem Diagnosetests nicht den erhofften Erfolg zeigten. Im Dezember wurde bekannt, dass klinische Tests zur Diagnose von Darmkrebs erfolgreich waren. Die Aktie hat sich seither wieder leicht erholt.
Evotec  aus Hamburg investiert Gewinne aus Serviceaufträgen in die Entwicklung eigener Medikamente gegen Nervenleiden. In diesem Jahr soll ein Schlafmittel in die zweite klinische Phase starten. Ein anschließender Weiterverkauf wäre im Erfolgsfall lukrativ.
Morphosys  sucht im Auftrag der Pharmabranche nach bestimmten gentechnisch hergestellten Antikörpern. Die Möglichkeiten der Datenbank werden von vielen großen Konzernen genutzt. Zudem werden auch eigene Medikamentenkandidaten entwickelt.
  • Aus der FTD vom 18.01.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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