Beim Kaffee haben sie die Sache noch intern geregelt. Seattles Starbucks lehrte die Amerikaner, dass dieses Heißgetränk mehr sein kann als ein Pott braunes Wasser, der über den Tag warm gehalten wird. Beim Joghurt aber springen die Entwicklungshelfer ein: Europäer zeigen den Amis, was sich aus Milch alles machen lässt. Und mit Ehrmann und Müller sind gleich zwei deutsche Molkereien dabei.
Das Kalkül ist schlicht: Der europäische Markt für Molkereiprodukte stagniert. Die starken Eigenmarken des Handels verderben der Industrie die Margen. Besserung ist nicht in Sicht. In den USA hingegen hat der heute auf 5,7 Mrd. Dollar geschätzte Joghurtmarkt in den vergangenen drei Jahren um jeweils gut sieben Prozent zugelegt. Trotzdem isst jeder Amerikaner im Durchschnitt weniger als sieben Kilogramm Joghurt pro Jahr - wenig, verglichen mit den Deutschen, die es auf knapp 17 Kilogramm bringen. Das macht die USA zu einem extrem attraktiven Boommarkt für Molkereien - auch für deutsche Mittelständler.
Nach der Allgäuer Molkerei Ehrmann, die im März vergangenen Jahres eine eigene Joghurtproduktion in den USA eröffnete, baut derzeit Müllermilch an einem 200 Mio. Dollar teuren US-Werk. Es soll 2013 den Betrieb aufnehmen und wird dann zu einem der größten in den USA gehören. Schon seit einigen Tagen testet Müller den US-Markt mit Eckenjoghurts (Müller Corner), die bislang noch aus dem sächsischen Leppersdorf in die USA geschafft werden.
Zur Risikominimierung haben sich beide Molkereien Partner gesucht: Ehrmann betreibt sein US-Geschäft mit Commonwealth Dairy als Minderheitsgesellschafter. Müller-Geschäftsführer Heiner Kamps hat ein Joint Venture mit dem Coca-Cola-Konkurrenten Pepsico namens Müller Quaker Dairy eingefädelt. Kamps hält die USA neben Deutschland und Großbritannien inzwischen für einen Schlüsselmarkt: "Unser Ziel ist es, in diesen drei Märkten dauerhaft eine überragende Rolle zu spielen."
Das lässt sich durchaus als Anspruch auf die Marktführerschaft verstehen und demnach als Angriff auf Danone . Die Franzosen, die seit 70 Jahren Joghurt in den USA verkaufen und dort sechs eigene Molkereien betreiben, wuchsen dort in den vergangenen Jahren langsamer als die Branche und verloren nach Angaben des Marktforschungsinstituts Euromonitor entsprechend Marktanteile.
Danone kontrolliert nach Euromonitor-Zahlen aber 2012 noch immer knapp 30 Prozent des Geschäfts. Kampflos klein beigeben wollen die Franzosen nicht: "Unser Joghurtgeschäft in den USA ist gesund und wachsend, und wir sehen für die Zukunft noch ein unheimliches Potenzial", teilte ein US-Sprecher am Dienstag mit.
Die Marktverschiebungen rühren größtenteils aus der seit 2007 rasant steigenden Popularität von griechischem Joghurt in den USA. Griechischer Joghurt enthält mehr Protein und gleichzeitig weniger Kohlenhydrat als gewöhnlicher Joghurt und gilt entsprechend als gesünder. Dadurch ist der Marktanteil von griechischem Joghurt von einem Prozent im Jahr 2007 auf 35 Prozent Mitte 2012 gestiegen.
Profitiert davon hat hauptsächlich das erst 2005 gegründete Unternehmen Agro Farma, das Anfang des Jahres in Chobani umbenannt wurde. Chobani wurde innerhalb weniger Jahre zum zweitgrößten Produzenten mit einem Marktanteil, der laut Euromonitor inzwischen bei 25 Prozent liegt. Nach anfänglichem Zögern produziert auch Danone seit 2009 unter der Marke Oikos erfolgreich griechischen Joghurt.
Der Joghurtboom in den USA und die Expansion deutscher Produzenten ziehen inzwischen auch die Zulieferer mit. Zentis, der Aachener Hersteller von Fruchtzubereitungen, die in zahlreichen Joghurts Verwendung finden, sucht bereits seit Monaten nach einem geeigneten Standort für ein zweites Werk. Das erste - ebenfalls im sogenannten Joghurt-Cluster nördlich von New York gelegen, in dem auch die Ehrmann- und Müller-Werke liegen - wurde inzwischen auf eine Kapazität von 85.000 Tonnen ausgebaut. Bei voller Auslastung würde dies einem Viertel der Gesamtproduktion von Zentis entsprechen.