Eigentlich hätte Ikuo Sato sich die Reise sparen können. Vergangene Woche traf sich die internationale Atomindustrie auf dem European Nuclear Forum in Brüssel, um ihre Netzwerke zu hegen. Mittendrin der kleine bebrillte Mann aus Japan mit auffallend guter Laune. Auf Kontaktpflege könnte er nämlich verzichten - zu ihm kommen sie sowieso. Denn nur Herr Sato kann liefern, was derzeit so gefragt ist wie nie. Der Geschäftsführer von Japan Steel Works (JSW) gebietet über die einzige Anlage, die 600 Tonnen schwere Reaktorkessel aus einem Guss fertigen kann. Das Problem dabei: Sie schafft im Jahr höchstens fünfeinhalb dieser Ungetüme.
An sich sind es gute Zeiten für die Branche. Kernkraftwerke gewinnen weltweit an Attraktivität, weil sie Strom fast ohne CO2-Ausstoß produzieren. Um die Klimaziele des G8-Gipfels von Heiligendamm zu erreichen, müssten jährlich etwa 20 Meiler gebaut werden, schätzt die Internationale Energieagentur.
Eon ,
RWE , GDF Suez - alle schwärmen sie von der "nuklearen Renaissance" und stellen sich auf den größten Boom seit Jahrzehnten ein.
Realisierbarkeit aus den Augen verloren
Vor lauter Begeisterung haben sie bloß ein wenig die Realisierbarkeit ihrer Pläne aus den Augen verloren. Für kleinere Reaktorkessel gibt es genügend Anbieter. Leistungsstarke, moderne Kraftwerke aber, wie sie die Konzerne planen, benötigen die stählernen Kolosse aus Japan. "JSW ist das Nadelöhr, durch das sie alle durchmüssen", beschreibt Stephan Werthschulte von der Unternehmensberatung Accenture die Situation der Atomkonzerne. "Was bei all dem Hype vergessen wird, ist die Lieferleistung der Industrie."
Darum muss schon jetzt rund die Hälfte des Kaufpreises anzahlen, wer nur auf die Warteliste für JSW-Kessel will. Kostenpunkt: um die 100 Mio. $. Die Wartezeit, schätzen Fachleute, liegt bei vier bis fünf Jahren. Der weltgrößte Reaktorbauer Areva experimentiert darum mit veränderten Konstruktionsplänen - bislang ohne kommerziellen Erfolg. Eine Alternative wären zusammengeschweißte Kessel. Davor scheut die Branche aber zurück.
Denn die Stahlbehälter umschließen den Reaktorkern und müssen extremem Druck standhalten. Werden sie aus mehreren Stücken hergestellt, stellen die Nähte Schwachstellen dar. "Kessel aus einem Guss haben sich als Sicherheitsstandard etabliert. Da wird es schwer, wieder davon abzurücken", sagt Mycle Schneider. Schneider beobachtet die Branche seit den 80er-Jahren, hat die OECD und die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) beraten. An baldige Konkurrenz für die japanische Kesselschmiede glaubt er nicht: Eine solche Anlage zu bauen, koste nicht nur mehrere 100 Mio. $. Entscheidend sei das Know-how ihrer Betreiber. "JSW hat jahrzehntelange Erfahrungen. Die holt man so leicht nicht ein."
Die hochfliegenden Pläne von bis zu 200 neuen Meilern bis 2030 scheitern für ihn darum spätestens an fehlenden Hochdruckkesseln. "Die sogenannte nukleare Renaissance", fasst Schneider sein Urteil zusammen, "ist der größte Bluff der letzten 20 Jahre."