Diese Serie der FTD widmet sich dem demografischen Wandel. Wir beschreiben, wie Unternehmer und Manager umdenken lernen, erläutern neue Geschäftsideen und stellen Firmen vor, die davon profitieren.
Manchmal bestellt Karsten von Rabenau in der Kantine Currywurst mit Pommes frites. Natürlich weiß er, wie riskant das ist. Schließlich untergräbt der hoch gewachsene Manager mit dem fetthaltigen Lieblingsgericht deutscher Kantinengänger seine Vorbildfunktion. "Aber ab und zu ist das okay", sagt von Rabenau. Der 45-Jährige ist Leiter des Gesundheitsmanagements des Versandhandelskonzerns Otto und führt oft einen Kampf gegen Windmühlen. "Die häufigste Frage, die ich höre, ist sicherlich: Wie soll ich das im Alltag umsetzen?", sagt er. Ist auch nicht immer einfach, gibt von Rabenau zu, aber wichtig: "Nur wenn Mitarbeiter körperlich und mental gesund sind, können sie ihre Leistungskraft voll ausschöpfen", sagt er. "Dafür müssen wir sorgen. Da draußen interessiert sich doch keiner für die Gesundheit unserer Mitarbeiter. Geld wird mit Krankheiten von Menschen verdient", sagt von Rabenau.
Sinkende Geburtenraten, Abwanderung ins Ausland und Ausfall durch Überlastung - gerade in Zeiten des Fachkräftemangels müssen sich deutsche Firmen noch stärker bemühen, dass Mitarbeiter fit sind. Dabei wird es künftig immer mehr darum gehen, diejenigen mit langjähriger Erfahrung fit zu halten. "Zukünftig wird es in einigen Bereichen wichtig, die über 60-Jährigen als Experten zu behalten, damit wichtiges Wissen nicht verloren geht", sagt Vera Calasan, Deutschland-Chefin der Zeitarbeitsfirma Manpower.
42 Prozent der deutschen Firmen werden in den nächsten Jahren Probleme haben, Fachkräfte zu finden, hat Manpower errechnet. Die Einstellung von Unternehmen gegenüber älteren Angestellten wandelt sich deshalb. "Früher haben sich Arbeitgeber darum gekümmert, wie Angestellte früher in den Ruhestand gehen können. Heute suchen Unternehmen Möglichkeiten, die Älteren länger zu beschäftigen", sagt Calasan.
Konzerne wie Otto, SAP, Audi oder die Deutsche Post bieten seit Jahren umfassende Gesundheitsprogramme an. Auch wegen des steigenden Anteils alter Mitarbeiter treten unter den 41 Millionen Angestellten deutschlandweit im Laufe des Berufslebens oft Muskel- und Skeletterkrankungen oder Übergewicht auf, die mit Fehltagen, aber auch Antriebslosigkeit verbunden sind. Mit Fitnessstudio und Betriebssportgruppen ist es deshalb nicht getan. Auch junge Mitarbeiter fallen vom Schreibtischstuhl aufs heimische Sofa, aber besonders bei älteren gibt es noch viele, die zu wenig tun. "Mitarbeiter, die eventuell noch nie Sport gemacht haben, müssen wir motivieren", sagt von Rabenau.
Neben Kursen für alle Altersgruppen helfen Leuchtturmprojekte. 2008/09 hat das Gesundheitsteam deshalb 40 Mitarbeiter - jung und alt - aus dem Otto-Konzern gesucht, die keinen Sport trieben, und ihnen ein Angebot gemacht: Wir machen euch fit für einen Triathlon! Schwimmen, Rad fahren, laufen - über ein Jahr hinweg wurden die Teilnehmer von Trainern und Ärzten betreut, per Intranet der Rest der Belegschaft über den Entwicklungsstand informiert. Mit Erfolg: Alle 40 kamen ins Ziel! "Das war natürlich großartig und hat auch viele andere motiviert", sagt von Rabenau.
Nur: "Gesundheit ist nicht nur Fitness", sagt von Rabenau. Seit drei Jahren führt das Team von Otto einen Gesundheitsindex in allen Abteilungen durch. In Gruppen von mindestens zehn bewerten Mitarbeiter anonym ihre Arbeitssituation: Wie ist die Atmosphäre im Team, wie die Anerkennung der eigenen Arbeit durch den Chef, wie das Wohlbefinden am Arbeitsplatz - auch private Sorgen werden hinterfragt. Anhand eines Punktesystems kann von Rabenau sehen, wo es Probleme gibt, und die jeweilige Teamleitung ansprechen. "Wichtig ist, dass die Führungskräfte verstehen, wie wichtig die Gesundheit der Mitarbeiter ist", sagt er.
Dabei dürfen nicht nur Fehlzeiten im Mittelpunkt stehen. "Mitarbeiter müssen mental motiviert werden, damit sie nicht nur ihre Zeit absitzen." Damit die Leistungskraft bei Älteren nicht vorzeitig abnimmt, bietet Otto Seminare für Mitarbeiter ab 40 und ab 50 Jahren an, in denen es um die weitere Lebensplanung geht. Viele befinden sich in diesem Alter auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, haben sich aber noch nie damit beschäftigt, wie die Jahre bis zur Rente aussehen und wie es danach weitergehen soll. "Niemand kann mehr sagen: ,Mit 70 fängt mein Leben an!‘" Aber sind solche Seminare nicht ein Wink mit dem Zaunpfahl - mit dir planen wir nicht mehr? "Im Gegenteil", sagt von Rabenau. "Nur wenn Mitarbeiter bei der Arbeit und privat Ziele haben, sind sie motiviert"