RWE gibt die Zurückhaltung gegenüber Solarstrom auf. Der Energiekonzern plant erste Großanlagen im Rahmen des Wüstenstromprojekts Desertec, will Fotovoltaikkraftwerke in Südeuropa bauen und zur besseren Einbindung der schwankenden Solarstromerzeugung in das deutsche Netz beitragen. "Bei der Fotovoltaik durchlaufen wir gerade eine Phase der Neubewertung", sagte RWE-Chef Peter Terium am Montag in Bremerhaven. Der Vorstand habe den Preisverfall bei Modulen massiv unterschätzt. "Wir hätten das so nicht für möglich gehalten. Und es sieht so aus, als hielte diese Entwicklung an."
Etablierte Stromkonzerne wie RWE hatten jahrelang bestritten, dass Strom aus der Sonne sich in überschaubarer Zeit der Wirtschaftlichkeit nähern könne. Diese Auffassung müssen sie nun revidieren. Wesentlichen Anteil an der Entwicklung haben Billigimporte aus China. Sie sind allerdings wegen möglicher Subventionen im Herstellerland umstritten.
Solarstrom könne heute in Südeuropa zu Kosten von 10 bis 12 Cent je Kilowattstunde erzeugt werden, in Nordafrika noch billiger, sagte der scheidende Chef von RWE Innogy, Fritz Vahrenholt. In der Tochter hat der zweitgrößte deutsche Energiekonzern seine Aktivitäten bei erneuerbaren Energien zusammengefasst. Damit liegt das Preisniveau zwar immer noch doppelt so hoch wie der Strompreis an Energiebörsen wie der EEX in Leipzig. Mit den Netzpreisen im Süden könne die Energie aus der Sonne aber bereits mithalten. In Marokko habe RWE eine Kombination aus Sonnen- und Windkraftwerken mit einer Leistung von 100 Megawatt als Konsortialführer auf den Weg gebracht, kündigte Terium an. Es gebe bereits mehrere Interessenbekundungen möglicher Partner.
In Deutschland dagegen stocke die Energiewende trotz der fortschreitenden Wirtschaftlichkeit der Erneuerbaren, warnten Terium und Vahrenholt in Bremerhaven. Die Ehefrau des scheidenden Konzernchefs Jürgen Großmann, Dagmar Sikorski-Großmann, taufte am Montag dort das erste Offshore-Montageschiff des Konzerns, die "Victoria Mathias".
Für RWE beginne mit der Inbetriebnahme des Schiffs das kommerzielle Offshore-Zeitalter für Windparks in der deutschen Nordsee, sagte Terium. In den nächsten Wochen soll der Bau des Windparks Nordsee Ost mit einer Leistung von 300 Megawatt beginnen. Das Projekt kostet voraussichtlich rund 1 Mrd. Euro. Insgesamt plant RWE bis 2025 in Europa Hochseewindparks mit einer Gesamtleistung von 6500 Megawatt.
Vahrenholt warnte, dass die Ziele der Regierung, bis 2020 eine Offshore-Leistung von 10.000 Megawatt zur Verfügung zu haben, keinesfalls mehr erreichbar seien. Möglich sei allenfalls die Hälfte. Grund seien unter anderem die Verzögerungen bei den Netzanschlüssen. "Netze, Netze, Netze" müsse denn auch die Prioritätenliste des neue Umweltministers Peter Altmaier lauten, sagte Terium. Die Energiewende sei gefährdet. "Wenn wir jetzt nicht aufpassen, könnte es kritisch werden."
Allerdings sei ausreichend Zeit für die Schaffung eines sogenannten Kapazitätsmarkts - also die Subventionierung von Kraftwerksbetreibern allein dafür, dass sie Generatoren für Zeiten betriebsbereit halten, in denen das Wetter keine ausreichende Produktion von Wind- oder Solarstrom zulässt. RWE setzt sich damit vom größeren Rivalen Eon ab, der sogar über die Stilllegung von bestehenden Gaskraftwerken in Süddeutschland nachdenkt - für den Fall, dass keine Prämien gezahlt werden.