Siemens wird in den nächsten Jahren die Geschäftssparten weiter fokussieren müssen. Auf lange Frist wird gar eine Konzentration auf die zwei Sparten Energie und Industrie durchgespielt, wie die FTD aus dem Umfeld des Konzernmanagements erfuhr. Die beiden Bereiche sind die zwei größten der insgesamt vier Siemens-Sparten und bilden den festen Kern des Elektrotechnikkonzerns.
Das Geschäft mit der Medizintechnik sei auf lange Sicht an der Börse besser aufgehoben oder könnte verkauft werden, um einen Großzukauf für eine der zwei Kernsäulen zu finanzieren, sagte ein Insider. Für den vierten Sektor Infrastruktur & Städte sehen Teile des Managements schon recht bald keine Zukunft mehr. "Der Infrastruktursektor wird sich in den nächsten drei, vier Jahren drastisch verändern oder auflösen", heißt es.
Dass Europas größtes Industriekonglomerat ausgerechnet in den letzten Tagen der FTD diesen Weg durchspielt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Hatte die Zeitung doch in ihrer Erstausgabe am 21. Februar 2000 mit der Schlagzeile aufgemacht: "Siemens plant radikalen Umbau mit Konzentration auf zwei Sparten." Demnach sollten die Kommunikationstechnik und das Industriegeschäft als einzige übrig bleiben. Die Geschichte erwies sich als überspitzt und brachte der FTD viel Häme ein. Mitte der 2000er-Jahre trennte sich der damalige Chef Klaus Kleinfeld unter Schmerzen von der Kommunikation, die durch den Wettbewerb unter die Räder geraten war.
Kleinfelds Nachfolger Peter Löscher ordnete den Mischkonzern mit 78 Mrd. Euro Umsatz und über 400.000 Mitarbeitern 2008 in die drei Sektoren Industrie, Energie und Medizintechnik. 2011 verdiente Siemens mit 6,3 Mrd. Euro Nettogewinn so viel wie nie zuvor. Dennoch initiierte Löscher einen weiteren Umbau, um das Geschäft mit den wachsenden Megastädten anzukurbeln: Er löste vor gut einem Jahr die Bahn- und die Gebäudetechnik aus dem Industriesektor heraus und fasste sie mit der Stromverteilung im neuen Infrastruktursektor zusammen. Viele halten dies für einen Fehlgriff, da daraus sogar negative Synergien entstehen. So ist nun die durchgängige Energieumwandlungskette vom Kraftwerksbau über die Hochspannungsleitungen bis hin zu den Verteilnetzen in Gebäuden auseinandergerissen, die nur Siemens so anbieten kann.
Durch zuletzt magere Ergebnisse steht Löscher unter Druck der Investoren. "Ein Hauptkritikpunkt ist, dass praktisch jedes Jahr Sonderbelastungen von mehr als 1 Mrd. Euro anfallen", sagte Christoph Niesel, Fondsmanager der Gesellschaft Union Investment. Ein Grund dafür sei die "schiere Breite des Geschäftsportfolios", diagnostiziert Deutsche-Bank-Analyst Peter Reilly. Aus seiner Sicht reichen Löschers neuestes 6-Mrd.-Euro-Sparprogramm und der angekündigte Portfolioumbau nicht weit genug: "Wir wünschen uns ein deutlich umfangreicheres Verkaufsprogramm, das den Stahlanlagenbau und den Großteil des Infrastruktursektors einschließt."
Dennoch steht die skizzierte Neuausrichtung nicht kurz bevor, sondern kommt wohl erst für Löschers Nachfolger auf die Agenda. "Die Konzentration auf zwei Säulen ist ein Thema für die nächste Generation an der Vorstandsspitze", sagte ein Insider. Hintergrund der Überlegungen ist unter anderem, dass Siemens langfristig durch die aufstrebende Konkurrenz aus China und Korea stärker unter Druck zu geraten droht. Dabei geht es nicht mehr in erster Linie um Kostenvorteile der Produzenten dieser Länder - die Kosten steigen auch dort. Doch schrumpfen zugleich die Qualitätsunterschiede, wie die Analysten von JP Morgan diagnostizieren.
So drängt Chinas Regierung mit einem Investitionsprogramm in eine Reihe von Siemens-Geschäften. Die Chinesen wollen etwa bei Gasturbinen und Zügen langfristig Weltmarktführer werden. Mit Windrädern, Schnellzügen und einfacheren medizintechnischen Geräten konkurrieren sie schon heute in den wachstumsstarken Schwellenländern zusehends mit westlichen Anbietern.
Für eine langfristige Trennung von der Medizintechnik, die kaum Synergien mit anderen Geschäften aufweist, sprechen auch Branchentrends. Die digitale Vernetzung der Analysegeräte erfordert verstärkte IT-Kompetenz. In der Labordiagnostik gewinnt die Molekularbiologie an Bedeutung. Damit wird sich die Sparte in den nächsten Jahren vom Elektrotechnikern des Konzerns wegentwickeln.
Die Auflösung des Infrastruktursektors hängt Insidern zufolge davon ab, wie schnell Siemens eine Lösung für das Zuggeschäft findet: "Die Züge sind ein offenes strategisches Problem." Ventiliert wird etwa eine Zusammenlegung mit anderen deutschen Zugtechnikanbietern oder mittelfristig auch eine europäische Lösung. Die übrigen Geschäfte könnten dann in ihre alten Sparten Energie und Industrie zurückintegriert werden. Siemens lehnte einen Kommentar ab.
Das Zuggeschäft steht beispielhaft für Siemens' Probleme mit Großprojekten. Erst vor zwei Wochen musste der Konzern die Auslieferung von acht ICE-Zügen an die Deutsche Bahn verschieben. FTD-Informationen zufolge wird Siemens dafür im ersten Geschäftsquartal Belastungen zwischen 60 und 100 Mio. Euro buchen. In den nächsten Quartalen könnten weitere Lasten hinzukommen. "Wenn der Konzern das Problem nicht schnell in den Griff bekommt, könnte dies die Jahresprognose kippen", so ein Insider.