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Merken   Drucken   03.05.2012, 21:00 Schriftgröße: AAA

Essay: Konzerne in Krisen - schweigen, vertuschen, beschönigen  

Warum sagen die nicht einfach, was Sache ist? Ein Risikoforscher über die Krisenstrategien von Großunternehmen bei Unglücksfällen und anderen schlechten Nachrichten.
© Bild: 2012 Bloomberg/Haruyoshi Yamaguchi
Premium Warum sagen die nicht einfach, was Sache ist? Ein Risikoforscher über die Krisenstrategien von Großunternehmen bei Unglücksfällen und anderen schlechten Nachrichten.
von Klaus Heilmann

Vor der schottischen Ostküste kam es am 25. März an der Förderplattform "Elgin" zu einem Gasleck, gegen das nach wie vor angekämpft wird. Täglich strömen geschätzte 200.000 Kubikmeter Erdgas aus. Der Schaden für die Umwelt ist - wenn auch vermutlich geringer als der durch die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko - noch nicht abzuschätzen. Christophe de Margerie, Chef des französischen Energieriesen Total , aber schweigt in der Krise, lässt nur Unternehmenssprecher altbewährte Statements abgeben.

Doch nicht nur er, alle Manager handeln so, sind sie doch in der Vergangenheit immer gut damit gefahren. Irgendwann aber werden sie erkennen müssen, dass sie damit nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Unternehmen schweren Schaden zufügen. Und dass ihnen diese Taktik gar nichts nützt, da, während sie schweigen, an den Börsen die Aktienkurse sprechen. Fallende Werte drücken erwartetes Unheil aus - für Umwelt und Unternehmen.

Wer die großtechnischen Zwischenfälle kritisch verfolgt, über die uns die Medien laufend berichten, wird mir wohl zustimmen, dass man der Wahrheit über sie heute kaum noch irgendwo begegnet; dass wir Bürger in Krisensituationen von allen Seiten belogen werden. Und wenn wir uns die humanitären Katastrophen vor Augen führen, die Industrieunglücke uns beschert haben, muss uns ein ungutes Gefühl beschleichen. Vermutlich in jedem von uns wird der Gedanke aufkommen, dass auch wir eines Tages ähnliche Katastrophen erleben könnten.

Die großen Industriekatastrophen der Vergangenheit zeigen nicht nur, dass bestimmte Technologien letztlich nicht beherrschbar, sondern auch traurige Beispiele für unsachgemäßen, sorglosen und falschen Umgang mit ihnen sind. Analysen der Unfälle lassen erkennen, dass viele durch verbesserte Sicherheitseinrichtungen oder bei Beachtung der vorgegebenen Vorsichtsmaßnahmen vermeidbar gewesen wären. Andere belegen, dass es zu ihnen gekommen ist, weil - meist aus Kostengründen - auf besondere Sicherheitsmaßnahmen kein Wert gelegt wurde oder Warnungen von Experten keine Beachtung fanden.

Die Betreiber haben oft keine Skrupel

Vor allem zeigen die Ereignisse, dass hochkomplexe technische Systeme umso anfälliger für Katastrophen werden, je gewaltiger die Organisationen sind, die sie betreiben. Verantwortlich für die negativen Auswirkungen großtechnologischer Anlagen sind vor allem die Betreiber, denn sie haben oft keine Skrupel, Risiken bewusst in Kauf zu nehmen oder auf risikoreduzierende Maßnahmen zu verzichten. Ich denke an die Nasa und die "Challenger"-Katastrophe, BP  und die Explosion der Plattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko, Exxon  und die Havarie der "Exxon Valdez" im Prinz-William-Sund vor Alaska, Roche  in Seveso, Union Carbide in Bhopal, um nur einige zu nennen. Und es zeigt sich dies jetzt auch an den Öl- und Gasplattformen in der Nordsee, deren Sicherheitsvorkehrungen nach Meinung von Ingenieuren besorgniserregend sind.

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Auch muss man aufgrund gemachter Erfahrungen davon ausgehen, dass sich nach Katastrophen in Bezug auf die Sicherheit wenig ändert. Die maroden Anlagen (Bhopal) oder veralteten Tankschiffe ("Exxon Valdez"), die ein Unglück ausgelöst haben, werden mit minimalem Aufwand wiederhergestellt und gelangen in die Hände neuer Besitzer, wonach sie meist unter neuem Namen weitermachen (aus dem britischen Kernreaktor Windscale wurde Sellafield) - nichts soll an die unrühmliche Vergangenheit erinnern.

Gleiches gilt auch für das unternehmerische Verhalten: kein Innehalten und Umdenken, stattdessen Arroganz gegenüber der Bevölkerung und Rücksichtslosigkeit gegenüber den Betroffenen. Industrieunglücke haben Menschen nicht nur geschadet, sie haben auch ihr Vertrauen in die Betreiber von Technik und - leider auch - in Technik schlechthin zerstört. Denn das den Katastrophen folgende Kommunikationsritual bestand nicht nur darin, dass die Bevölkerung zu spät und zu unverständlich informiert wurde (was praktisch auf alle Unfälle zutrifft), sondern auch darin, dass Verursacher und Staat die Leute zuerst im Dunkeln gelassen und dann schlichtweg belogen haben.

Trotz der verschiedenen Technologien ziehen sich bestimmte unternehmerische Verhaltensmuster wie ein roter Faden durch alle Katastrophen hindurch: Schweigen, solange es geht, steht bei Zwischenfällen an erster Stelle.

Warum aber wird geschwiegen? Dafür gibt es verschiedene Gründe, die meisten sind taktischer Art. Oft hängt die Entscheidung des Unternehmens, wann welche Information nach außen abgegeben wird, weniger von den Empfehlungen der Öffentlichkeitsarbeiter als von den Anweisungen der Juristen ab. Und die interessieren sich in Krisensituationen weniger für die Ängste der Bevölkerung oder das Erscheinungsbild des Unternehmens als primär für seine Haftung. Der juristische Rat an die Unternehmensleitung ist deshalb immer der gleiche: zunächst schweigen und dann nur das sagen, was unbedingt notwendig und juristisch geprüft ist.

Klaus Heilmann   Klaus Heilmann

Was für die Juristen die Haftung ist, sind für den Staat die politischen Konsequenzen derer, die an der Macht sind. Hinter unternehmerischem Schweigen steckt sehr oft auch ein politisch motivierter Druck der Regierung. Großkonzerne und staatliche Organe sind in Katastrophensituationen fast immer Komplizen. Dies zeigte sich in Großbritannien, wo Regierungsstellen gemeinsam mit den Kernkraftwerksbetreibern versucht haben, das Ausmaß der Katastrophe in Fukushima herunterzuspielen.

Schweigen geht mit Vertuschen gewöhnlich Hand in Hand. Meist sind sich die Ingenieure und Techniker vor Ort ziemlich bald im Klaren darüber, was passiert ist, wissen aber nicht so rasch, ob, wie und wann das Problem zu beheben ist. Um Zeit zu gewinnen, heißt es dann, den wahren Grund für den Unfall und das Ausmaß des Unglücks zunächst einmal zu verschweigen. Und oft wird erst dann etwas herausgelassen oder bestätigt, wenn externe Fachleute ihre Vermutungen äußern. Erste Meldungen über Tschernobyl kamen von den Schweden, jene über den Brand bei Sandoz in Schweizerhalle von der Basler Polizei, die über Bhopal von Betroffenen und Journalisten. Und auf die frühzeitige Kernschmelze in Fukushima und deren eigentliche Ursache - das Erdbeben, nicht der Tsunami - wurde zuerst von Greenpeace hingewiesen.

Vertuschen wird schwieriger

Das, was schlussendlich zugegeben wird, weil es sich nicht mehr verheimlichen lässt, wird heruntergespielt und bagatellisiert. Dieses Manöver ist bei allen Katastrophen zu erkennen. Auch wenn sich durch das Internet mit seinen sozialen Netzen die bisherige "Top-down"-Struktur der Informationsverbreitung verändert hat und das Vertuschen für die Unternehmen immer schwerer wird, so darf daraus nicht geschlossen werden, dass dadurch die Bevölkerung der Wahrheit über das Geschehen sehr viel näher käme.

Üblich in Katastrophensituationen ist auch das Beschönigen der Situation. "Alles ist unter Kontrolle" oder "so etwas kann bei uns nicht passieren" oder "unsere Anlagen sind sicher" sind die uns allen bekannten Informationsfloskeln.

Gern wird von den Unternehmern in Krisensituationen auch "menschliches Versagen" ins Spiel gebracht. Dies hat verschiedene Gründe: Derjenige, dem Versagen nachgesagt wird, kommt bei dem Unglück oft selbst ums Leben, kann sich also nicht mehr zu der Sache äußern. Im Sinne des Unternehmens ist dies die eleganteste Lösung. Der Beruhigungseffekt für die Öffentlichkeit liegt darin, dass Fehler etwas Persönliches sind und somit nicht zu erwarten ist, dass ein anderer sie wiederholt.

Menschliches Versagen, wenn es sich dann als erwiesen herausstellt, ist immer die Variante, bei der der Betreiber am billigsten wegkommt. Technische Fehler beziehungsweise Systemfehler hingegen sind für ein Unternehmen wesentlich schwerer zu begründen und bedeuten meist als unangenehme Konsequenz, dass Schadensersatzklagen ins Haus stehen und Teile oder ganze Systeme einer Technik neu konzipiert oder sogar aufgegeben werden müssen.

Zu sehen, wie Lüge und Unredlichkeit, Bestechung und Hehlerei unsere Gesellschaft allmählich prägen, auf welch skrupellose Weise manche sich politische Macht zu sichern und große Geschäfte zu machen verstehen, ist unerträglich. Unakzeptabel aber muss sein, es hinzunehmen, dass mit technischen Risiken so wie mit faulen Wertpapieren umgegangen wird. Denn extrem gefährlich ist es, wenn Sicherheit zugunsten des Profits geopfert wird, wenn sensible Großtechnologien der Chemie, Kernenergie oder Öl- und Gasförderung unter den Einfluss von Banken und in die Hände von profitorientierten Unternehmen und ihren Managern geraten. Dies dürfen wir nicht zulassen!


Klaus Heilmann ist Risikoforscher. Er veröffentlichte unter anderem die Bücher "Das Risikobarometer - wie gefährlich ist unser Leben wirklich?" und "Die Risikolüge - warum wir nicht alles glauben dürfen" (beide Heyne).

E-Mail: leserbriefe@ftd.de

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  • Aus der FTD vom 04.05.2012
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