2003 wird bekannt, dass Bayer-Chef Werner Wenning die ertragsschwachen Teile der Chemie- und Polymersparte auslagern will. Von "Schrott abladen" sprechen die betroffenen Bayer-Mitarbeiter, von einem "Schrottplatz" schreibt daher FTD-Redakteur Klaus Max Smolka. Als Projektname für diese Resteverwertungsgesellschaft kursiert "Newco", bis ein echter Name gewählt wird: Lanxess. Und Lanxess, die angebliche Resterampe von einst, ist in diesem Herbst in den DAX 30 aufgestiegen.
Im Sommer 2006 zogen im fernen Amerika die ersten dunklen Wolken der Finanzkrise auf. In Deutschland hingegen lobpreiste FTD-Redakteurin Meike Schreiber in einem Kommentar den Einstieg der Heuschrecke Christopher Flowers bei der HSH Nordbank: Flowers werde zu Recht versuchen, die Bank stärker auf Rendite zu trimmen, und die öffentlichen Miteigner würden dafür sorgen, dass alles im Rahmen bleibe. "Ich hielt den Deal für eine Revolution, die Schule machen wird." Heute weiß Meike Schreiber: Mit Flowers' Einstieg wurde der fatale Risikokurs sogar verschärft. Drei Jahre später musste die HSH Nordbank von den Ländern gerettet werden, bis heute wird sie künstlich am Leben erhalten.
"Das Misstrauen der Investoren gegenüber griechischen Aktien lässt sich in einer Zahl zusammenfassen: 90 Prozent. So weit ist Hellas' Leitindex ATX mittlerweile von seinem einstigen Höchststand gefallen." Das schrieb Redakteurin Georgia Hädicke am 15. Juni in der FTD. Die Zahl stimmt, nur der Leitindex nicht: Der in Athen heißt ATHEX. ATX steht ebenfalls für einen Leitindex, allerdings für den österreichischen.
Echt spannend sei die Irlandtochter der sächsischen Landesbank, so hörte Nina Luttmer von einem Mitarbeiter einer Ratingagentur. Innovativ, was die machen, und echt erfolgreich. Okay, sagte sich die FTD-Reporterin, das gucke ich mir an. Sie fragte bei der Sachsen LB nach Interviewterminen, müsse auch nicht sofort sein - schließlich stand ihr Urlaub an. So erfuhr sie im Baskenland vom Niedergang der Sachsen LB, verursacht von der angeblich so grandiosen Irland-Tochter. Die hatte sich am US-Hypothekenmarkt verzockt - und zwar grandios.
Eine Internetbutze, der per Erstnotiz 23 Mrd. Euro Marktkapitalisierung zugetraut wurden, deren abgelaufener Umsatz also mit dem Faktor 15 bewertet wurde - das konnte ja nur Wahnsinn à la 1999 sein. Und jetzt, Mitte 2004, waren die Schreiber der Kolumne "Das Kapital" viel schlauer. Dachten sie zumindest. Google entwickelte sich bekanntermaßen prächtig. "Das Kapital" unterschätzte vollkommen, wie stark Google den traditionell von Marketingbudgets abhängigen Sektoren das Werbewasser abgraben würde - etwa den Printmedien. Jetzt wissen wir es besser.
Mag es anderen Techfirmen schlecht gehen, SAP steht - da bestens vorbereitet - stark und unverwundbar. Berichtete FTD-Redakteur Joachim Zepelin jedenfalls am 9. Juli 2002. Damals stand der Aktienkurs bei 17 Euro. Kurz darauf legte SAP seine Bilanz vor, und die Aktie schmierte ab auf 10,50 Euro. Da Zepelin zeitgleich vom Technologie- ins Politikteam wechselte, um dort Südamerika zu betreuen, schenkten ihm die Kollegen die SAP-Seite "Turm im Sturm" - übersetzt ins Spanische.
Wer die FTD verlässt, bekommt eine persönliche Abschiedsseite auf den Weg. Im Fall von Gründungschefredakteur Andrew Gowers sogar eine ganze Zeitung. Sie war gefüllt mit überfälligen Meldungen - alle frei erfunden. So etwa die Nachricht "Pearson übernimmt Bertelsmann". Pearson ist Besitzer der Financial Times, Bertelsmann gehört über Gruner + Jahr die FTD. Ein harmloser Witz, der allerdings versehentlich an die einschlägigen Pressedatenbanken gesendet wurde. Als am nächsten Tag die ersten Journalisten den Scoop nachrecherchieren wollten, stellte sich heraus: ein Joke. Über den niemand mehr lachen mochte.
Als USA-Korrespondent Matthias Ruch im Oktober 2009 über das "Das Märchen von der Chrysler-Rettung" schrieb, war der amerikanische Autokonzern schon so gut wie tot. Fiat-Chef Sergio Marchionne, der gerade die Führung von Chrysler übernommen hatte, würde "vom Wunderheiler zum Totengräber" werden, sagte Ruch damals unverblümt voraus. Sein Kommentar war sachlich fundiert und überzeugend - doch so einfach wollte Marchionne sich nicht geschlagen geben. Er schickte sogar eine Beschwerde an die Chefredaktion. Schlimmer noch: Er behielt am Ende Recht. Heute, drei Jahre später, scheint Chrysler wieder quicklebendig. Der Absatz steigt und selbst der kleine Fiat 500 wird inzwischen erfolgreich in Amerika verkauft. "Ehre, wem Ehre gebührt", befand Ruch und flog eigens in die Chrysler-Zentrale nach Auburn Hills. Nach seiner Rückkehr rechnete er noch einmal ausführlich mit Marchionne ab. Überschrift: "Chryslers Wunderheilung".
Erstmals seit 2004 musste Blackberry-Hersteller RIM im Mai einen Quartalsverlust vermelden. Der Kurs der Aktie stürzte ab. Im August 2010 lag er noch bei 57 Dollar, im Mai 2012 war er abgeschmiert auf 10 Dollar. So, jetzt raus mit den Taschenrechnern: Wie viel Prozent Rückgang sind das? Ja, da hinten? "107 Prozent" - wie soll das denn gehen? Ach so, stand in der FTD. Na, dann muss es wohl stimmen!
Wir bei der FTD sind eigentlich stolz auf unsere Fremdsprachenkenntnisse, doch auf die Kenntnis dieses lateinischen Worts hätten wir zu gern verzichtet: "Erratum", zu Deutsch: Fehler. Wir ärgern uns jedes Mal, wenn wir es drucken müssen. Also schreiben wir "Richtigstellung" - und ärgern uns trotzdem. In den 12,8 Jahren FTD-Geschichte haben wir dieses Wort mehr als 100-mal drucken müssen...
und öfter als einmal, weil im Eifer des Gefechts Millionen und Milliarden durcheinandergewürfelt wurden. Ein besonders krasser Fall ist vom 12. Juli 2010 überliefert, und da sind nicht einmal Milliarden im Spiel. Damals berichteten wir, dass der Verkauf von Forderungen dem Insolvenzverwalter der deutschen Lehman Brothers Bankhaus AG weniger als 500.000 Dollar eingebracht habe. Gemeint war: "weniger als 500 Mio. Dollar". Oh, wie peinlich!
Nicht mit allen Themen kennt sich FTD-Redakteur Christian Kirchner so gut aus wie mit Geld und Finanzen. Das rächte sich, als er eine Filmdokumentation über John Law, den Erfinder des deckungslosen Papiergelds, rezensieren sollte. Im Film melden sich auch der Schweizer Schriftsteller Claude Cueni und der Pokerweltmeister Michael Keiner zu Wort. Bei Kirchner werden daraus Pokerweltmeister Cueni und Schriftsteller Keiner. "Um 23 Uhr habe ich schon den ersten Leserbrief auf dem Blackberry: Da hätte ich Schrott geschrieben", erinnert sich Kirchner. Viel Schlaf kriegt er nicht mehr in dieser Nacht, "vor lauter Scham".
Arcandor insolvent! Metro zerschlagen! Das muss doch den Zusammenschluss der verbliebenen Kaufhausketten Karstadt und Kaufhof zur Deutschen Warenhaus AG zur einzig realistischen Option machen - zum Faktum geradezu! Handelsberater und Handelskenner schwelgten euphorisch. Und Henning Hinze, 2009 just Handelskorrespondent der FTD geworden, ließ sich mitreißen und jubelte mit. Aus der Warenhaus AG ist nichts geworden. Hinze hat daraus gelernt: "Ich bin halsstarriger geworden - und dadurch ein besserer Journalist."
Als Gerüchte aufkamen, der Chef der amerikanischen Notenbank, Alan Greenspan, sei ins Krankenhaus eingeliefert worden und schwebe in Lebensgefahr, baute die FTD in aller Eile eine Notfall-Titelseite mit einem Nachruf als Aufmacher. Bei Redaktionsschluss hatten die Gerüchte sich nicht bestätigt, die Testseite hing vergessen an einer Wand. Dort wurde sie allerdings am nächsten Morgen von den Audiokollegen erspäht, die weltexklusiv den Tod Greenspans vermeldeten - und zwei Stunden später kleinlaut um Entschuldigung baten.
Richtigstellung
In einer vorherigen Version dieses Beitrags war irrtümlich von Onlinekollegen die Rede, die den angeblichen Tod Greenspans irrtümlich vermeldeten. Hierzu stellen wir fest, dass eine entsprechende Meldung nie auf der Website FTD.de stand. Vielmehr waren es die Kollegen aus dem Audio-Team, denen der bedauerliche Fehler unterlaufen ist und die einen entsprechenden Beitrag an Rundfunksender verbreitet haben. Totgesagte leben länger…