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  31.10.2009, 09:28    

Finanzkrise: Wirtschaftsideen aus dem Untergrund

Kommentar Die große Krise hat auch etwas Gutes: Sie hat eine Vielfalt an ökonomischen Theorien zum Vorschein gebracht, die lange genug vom Mainstream überschattet wurden. von Joseph Stiglitz und George Akerlof
George Akerlof  ist Professor an der University of California in Berkeley. Joseph Stiglitz  ist Professor an der Columbia University in New York. Er und Akerlof erhielten 2001 den Ökonomie-Nobelpreis für ihre Arbeit über Märkte mit asymmetrischer Informationsverteilung.
Die Wirtschafts- und Finanzkrise ist ein Moment tiefer Reflexion im ökonomischen Metier, denn sie hat viele lange gepflegte Vorstellungen auf die Probe gestellt. Wenn sich die Wissenschaft durch ihre Fähigkeit definiert, die Zukunft vorherzusagen, dann sollte das Versagen so vieler Ökonomen, die Krise kommen zu sehen, Grund zu großer Besorgnis sein.
Joseph Stiglitz, US-amerikanischer Wirtschaftsnobelpreisträger   Joseph Stiglitz, US-amerikanischer Wirtschaftsnobelpreisträger
Doch gibt es tatsächlich eine sehr viel größere Ideenvielfalt unter Ökonomen, als einem häufig bewusst ist. Die diesjährigen Nobelpreisträger in Ökonomie sind zwei Wissenschaftler, deren Lebenswerk alternative Ansätze untersucht. Die Ökonomie hat eine enorme Vielzahl an Ideen hervorgebracht; und viele davon argumentieren, dass Märkte nicht notwendigerweise effizient oder stabil sind und unsere Gesellschaft durch die Standardmodelle des Wettbewerbsgleichgewichts, die von vielen Ökonomen verwendet werden, nicht gut beschrieben wird.
Die Verhaltensökonomie etwa betont, dass die Marktteilnehmer häufig auf eine Weise agieren, die sich nicht ohne Weiteres mit Rationalität in Einklang bringen lässt. In ähnlicher Weise zeigt die moderne Informationsökonomie auf, dass selbst Märkte, die dem Wettbewerb unterliegen, fast niemals effizient sind, wenn die Informationsverteilung unvollkommen oder asymmetrisch ist, also einige Menschen über Informationen verfügen, die andere nicht haben, was quasi immer der Fall ist.
Eine lange Reihe von Forschungsarbeiten hat gezeigt, dass sich selbst unter Anwendung der Modelle der sogenannten ökonomischen Schule "rationaler Erwartungen" die Märkte nicht immer stabil verhalten und es zu Preisblasen kommen kann. In der Tat bietet die Krise viele Belege dafür, dass die Anleger nicht rational agieren.
Genau wie sie das Nachdenken über die Notwendigkeit zur Regulierung neu belebt hat, hat die Krise die Erforschung alternativer Gedankenstränge vorangetrieben, die uns bessere Einsichten in die Wirkungsweise unseres komplexen Wirtschaftssystems geben - und vielleicht hat sie auch die Suche nach einer Politik angeregt, die eine Wiederholung der jüngsten Katastrophe verhindern könnte.

Teil 2: Wichtige Rolle von Soziologen und Historikern

  • FTD.de, 31.10.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland
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