Der Chemiekonzern BASF hat genug: Wegen des anhaltenden öffentlichen Widerstands stellt er seine Biotechnologie in Deutschland weitgehend ein. Das ist ein Signal für die ganze Branche.
von Klaus Max SmolkaFrankfurt
Wegen öffentlichen Widerstands stellt BASF seine Pflanzenbiotechnologie in Europa weitgehend ein. Die entsprechende Sparte zieht in die USA, in Deutschland bleibt nur die Grundlagenforschung in Berlin. BASF hört auch auf, genveränderte Pflanzen in Deutschland auszupflanzen - und folgt damit den Wettbewerbern Bayer und Syngenta, die 2004 ihre Feldversuche einstellten.
Der Konzern gibt so das Signal für den Exodus der grünen Gentechnik. Das 13 Jahre dauernde EU-Genehmigungsverfahren für BASFs Genkartoffel Amflora, Anschläge auf Versuchsfelder, Widerstand bei Verbrauchern und Bauern - das alles habe zu der Entscheidung beigetragen, sagte der zuständige BASF-Vorstand Stefan Marcinowski. "Die Rahmenbedingungen haben sich soweit verschlechtert, dass wir auf absehbare Zeit für uns jetzt erkennen müssen, keine Chance für eine erfolgreiche Kommerzialisierung gentechnischer Pflanzen in Europa zu haben."
Mit gentechnisch veränderten Pflanzen bebaute Fläche 2010 nach Ländern
Die Industrie sieht sich weltweit als Wachstumsbranche: Die mit genveränderten Pflanzen bebaute Fläche nahm laut Interessenverband ISAAA von 2006 bis 2010 um knapp die Hälfte zu - auf 148 Millionen Hektar. Aber das geschieht vor allem in Nord- und Südamerika und in Schwellenländern. In Europa ist der Widerstand groß. Gentechnik für Arzneien ist weitgehend akzeptiert, weil die Experimente auf Labors beschränkt sind. Die Genmanipulationen in freier Natur aber sind nicht einzufangen, wenn sich veränderte Sorten mit konventionellen Nahrungsmitteln vermischen - wie schon öfter passiert. "Wir wollen nicht, dass diese Pflanzen auf die Äcker kommen, weil sie nicht beherrschbar sind", argumentiert Greenpeace-Biologe Dirk Zimmermann. Die Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie (DIB) weist den Widerstand als irrational zurück. "Da in Deutschland und Europa Freisetzungen und Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen aus politischen oder ideologischen Gründen seit vielen Jahren verhindert werden, ziehen die Biotechnologieunternehmen früher oder später ihre Konsequenzen", sagte DIB-Geschäftsführer Ricardo Gent zu dem BASF-Beschluss.
Laut Verband ist BASF das letzte Mitgliedsunternehmen, das Freilandversuche in Deutschland einstellt. Bayer experimentierte bis 2004 mit Raps, Mais, Zuckerrüben und Kartoffeln. Syngenta stoppte im selben Jahr alle Feldversuche in Europa. Die Einbecker Firma KWS - kein DIB-Mitglied - fährt fort. "Wir planen auch für dieses Jahr einen Feldversuch mit Roundup in Üplingen" , sagte Henning von der Ohe, Leiter Unternehmensentwicklung. Roundup ist eine herbizidresistente Zuckerrübe.
Die BASF-Tochter Plant Science zieht von Limburgerhof nach Raleigh im US-Bundesstaat North Carolina. Alle Projekte, die ausschließlich auf Europa ausgerichtet sind, sollen gestoppt werden. Das bedeutet auch das Aus für den Anbau von Genkartoffeln wie der Industriestärke produzierenden Amflora. Einige laufende Zulassungsprozesse will BASF in Europa noch zu Ende führen. Der Konzern will gewappnet bleiben, sollte die Stimmung irgendwann drehen. 140 Stellen fallen weg, in Limburgerhof bleiben elf. Der hiesige Standort Gatersleben sowie Svalöv (Schweden) werden geschlossen, die Grundlagenforschung in Berlin bleibt. BASF hatte öfter indirekt mit dem Abzug gedroht; so kommt der Beschluss nicht völlig überraschend.
Marcinowski, Jahrgang 1953, geht im Mai ungewöhnlich früh in den Ruhestand, wie im Dezember bekannt wurde. Konzernkenner brachten das vorige Woche schon in Zusammenhang mit dem Misserfolg der grünen Gentechnik und dem anstehenden Abzug der Sparte - auch wenn Marcinowski keinen Einfluss auf das Klima in der Öffentlichkeit hat. Nur einmal hatte der sonst eher ausgleichend auftretende Manager kontraproduktiv gewirkt: Im Jahr 2008, als er der EU-Kommission mit juristischen Schritten im Fall Amflora drohte. Marcinowski verneinte einen Zusammenhang. Vielmehr wolle er Jüngeren Platz machen.
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