Der Stahl- und Industriegüterkonzern ThyssenKrupp verschiebt die Vorlage seiner Jahresbilanz. Statt wie bisher geplant am 22. November sollen die Zahlen für das Geschäftsjahr 2011/12, das am 30. September endete, nun erst knapp drei Wochen später veröffentlicht werden. Das geht aus einer Änderung des Termins auf der Homepage hervor. Ursache für die Verschiebung der Bilanzvorlage auf den 11. Dezember ist nach Konzernangaben der Beschluss der EU-Kommission, über den Verkauf der ThyssenKrupp-Edelstahltochter Inoxum jetzt erst am 16. November zu entscheiden. "Bis dahin kann keiner wissen, was genau zu bilanzieren ist", sagte ein Insider.
Die Verschiebung von Bilanzvorlage und damit auch Aufsichtsratssitzung macht augenfällig, in welch unübersichtlicher Lage sich ThyssenKrupp wegen des umfassenden Konzernumbaus befindet. Von den zwei großen, noch laufenden Verkaufsverfahren - der Trennung vom Edelstahl und von den Werken in Amerika - hängt angesichts der hohen Schulden entscheidend ab, über welchen finanziellen Spielraum der Ruhrkonzern in den nächsten Jahren verfügt. Sollte ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger beim Verkauf der Stahlwerke in Übersee deutlich unter seinen Erwartungen bleiben, drohen weitere hohe Abschreibungen.
Zwar gilt als sicher, dass die Wettbewerbsbehörden den Verkauf von Inoxum an den finnischen Konkurrenten Outokumpu am Ende genehmigen. Doch die EU-Kommission schöpft ihre Frist bis zum Letzten aus - und bringt damit den Zeitplan des Konzerns durcheinander. Dabei zeichnet sich ab, dass die Auflagen der Wettbewerbshüter strenger ausfallen als erwartet. Outokumpu machte jüngst bereits weitere Zugeständnisse und bot den Wettbewerbshütern zusätzlich den Verkauf der Inoxum-Tochter Acciai Speciali Terni (AST) in Italien an.
Auch der gerade gestartete Verkauf der Stahlwerke in Übersee führt laut Insidern zu Diskussionen im Zuge der Bilanzaufstellung. Es habe intern Gespräche darüber gegeben, ob bereits unverbindliche Angebote von Kaufinteressenten ausreichend konkret sind, um weiteren potenziellen Abschreibungsbedarf zu begründen, hieß es. In Wirtschaftsprüfer-Fachkreisen wird diese Sichtweise allerdings nur von einer Minderheit vertreten. ThyssenKrupp wollte dies nicht kommentieren. Hiesinger hatte vor wenigen Wochen die Erwartung geäußert, beim Verkauf der Stahlwerke rund 7 Mrd. Euro zu erlösen, was in etwa dem Buchwert entspräche. Analysten rechnen allerdings eher mit einem Erlös von 3 bis 4 Mrd. Euro.
Nach FTD-Informationen signalisierten im Vorfeld mehr als fünf Interessenten, dass sie in der ersten Runde dabei sein wollen. Wie aus Finanzkreisen verlautete, gab der weltweit fünftgrößte Stahlhersteller Posco ein unverbindliches, schriftliches Angebot ab und engagierte Credit Suisse als Berater. Die Südkoreaner zögen in diesem frühen Stadium in Betracht, beide Stahlwerke zu kaufen, hieß es. Ob es jedoch zu einem bindenden Angebot komme, hänge von den weiteren Konditionen ab. Als weitere Interessenten gelten die japanische JFE, und die brasilianischen Konzerne CSN und Vale sowie Baosteel.
"Die meisten Interessenten wollen zunächst einmal die Chance nutzen, sich das Werk eines Konkurrenten anzusehen", sagte ein Insider. Beobachter rechnen damit, dass sich frühestens in sechs bis acht Wochen abzeichnet, wer an einer Übernahme der Werke ernsthaft interessiert ist.