Südkorea ist erstmals rigoros gegen Wirtschaftskriminalität vorgegangen und signalisiert mächtigen Konzernlenkern eine Abkehr von den bislang laxen Sanktionen. Der Chef des Mischkonzerns Hanwha, Kim Seung-youn, wurde am Donnerstag wegen Veruntreuung von Firmenvermögen zu vier Jahren Haft und einer Geldstrafe von umgerechnet 3,66 Mio. Euro verurteilt. Kim, dessen Konglomerat derzeit für das insolvente deutsche Solarunternehmen Q-Cells bietet, wurde umgehend abgeführt.
Das Urteil wurde in Südkorea als ungewöhnlich hart bewertet. Für die familiengeführten Mischkonzerne - die sogenannten Chaebol - die den Boom des viertgrößten asiatischen Wachstumsmarkts vorangetrieben haben, galten bislang großzügige Ausnahmeregeln. Zwar wurden seit 1990 nach Angaben der Marktforscher von Chaebul.com allein sieben Chefs der zehn größten Industriekonzerne zu Haftstrafen verurteilt - darunter auch die Konzernlenker des Elektronikkonzerns Samsung und des Autobauers Hyundai . Die Strafen wurden jedoch jedes Mal zur Bewährung ausgesetzt. "Die Korea AG scheint nun den ersten Schritt hin zu einer Veränderung der üblichen politischen und rechtlichen Praktiken getan zu haben", so Charles Lee von der Asian Corporate Governance Association.
Die politische Stimmung vor den Präsidentschaftswahlen im Dezember dürfte den Schwenk beeinflussen. Die größte Oppositionspartei fordert ebenso wie viele Wähler, dass die Regierung die einflussreichen Chaebol stärker reguliert.
Sollte sich die härtere Gangart durchsetzen, müssen weitere Topmanager drastischere Strafen fürchten. Demnächst beginnt der Prozess gegen den Chef des südkoreanischen Mischkonzerns SK Group. Chey Tae-won wird vorgeworfen, gemeinsam mit seinem Bruder rund 145 Mio. Euro an Firmengeldern veruntreut zu haben.
Im aktuellen Präzedenzfall sah es das Gericht als erwiesen an, dass Hanwha-Chef Kim illegal Gelder von Konzerntöchtern abgezweigt hat, um Schulden von Firmen zurückzuzahlen, die er unter einem anderen Namen betrieb. Kim habe dem Konzern durch Ausnutzung seiner Macht Schaden zugefügt, begründete der Richter nach Angaben der nationalen Nachrichtenagentur Yonhap. Der 60-jährige Manager habe keinerlei Reue über sein Vergehen gezeigt. Die Staatsanwaltschaft hatte ursprünglich neun Jahre Haft gefordert. Kim bestreitet die Vorwürfe und ließ nach der Urteilsverkündung ankündigen, dass er umgehend Rechtsmittel dagegen einlegen werde. Die Hanwha-Aktie fiel am Donnerstag nach dem Urteil um fünf Prozent.
Vor fünf Jahren war Kim noch glimpflich davongekommen. Da war er zu einer 18-monatigen Haftstrafe wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung verurteilt worden. Gemeinsam mit seinen Bodyguards hatte er Angestellte einer Karaokebar angegriffen und geschlagen, die zuvor seinen Sohn bei einem Streit verletzt haben sollen. Kurz nachdem Kim seine Haftstrafe antrat, befand ein Berufungsgericht das Urteil jedoch für zu hart und setzte die Strafe für drei Jahre zur Bewährung aus.
Kim hatte 1981 seinen Vater an der Hanwha-Spitze abgelöst. Der Industriekonzern erzielt einen Umsatz von 25 Mrd. Euro. Rund 60 Prozent stammen aus Finanzdienstleistungen, der Rest aus der Produktion von Sprengstoff und Chemikalien sowie aus Baudienstleistungen. FTD, Agenturen