Cairn Energy ist ein umstrittener Durchbruch bei der Öl- und Gasförderung gelungen. Der nur in Branchenkreisen bekannte Förderkonzern aus Schottland ist als Erster bei Probebohrungen vor der Küste Grönlands auf Gas gestoßen, das auf Ölvorkommen hindeutet. "Ich bin ermutigt", sagte am Dienstag Bill Gammell, der Vorstandsvorsitzende der in Edinburgh ansässigen Gesellschaft. Die "vielversprechenden Ergebnisse" der Probebohrung "bestätigen unseren Glauben an das Potenzial der Exploration", so Gammell.
Die Ölindustrie setzt große Hoffnungen auf Grönland. Vor der Küste des zu Dänemark gehörenden Inselstaates werden umfangreiche Öl- und Gasvorkommen vermutet. USGS, der geologische Dienst der USA, schätzt, dass vor der Küste der Insel 25 Prozent der weltweiten Ölvorkommen liegen. Die Arktis zwischen Grönland und Kanada enthalte etwa 90 Milliarden Fass (je 159 Liter) förderbares Öl, das bisher noch nicht entdeckt worden ist. Genaue Zahlen sind allerdings nicht bekannt, und die Aussagekraft der Studie ist unter Wissenschaftlern heftig umstritten.
Cairn hatte in diesem Sommer in der Baffinbucht vor der Westküste Grönlands mit den Bohrungen begonnen, um abzuschätzen, wo und wie viel Öl sich in der Gegend befindet. Dort fand der Konzern jetzt auch das Gas. Es ist zwar nicht wirtschaftlich förderbar, tritt aber laut Cairn häufig auf, wenn sich Öl in der Nähe befindet. Das Gas sei aber nur ein erster Indikator, relativierte Kurt Reinicke, Professor am Institut für Erdöl- und Erdgastechnik der Technischen Universität Clausthal. "Ob Öl im System ist, muss der Bohrfortschritt zeigen. Noch ist es zu früh für eine definitive Aussage." Anleger hatten gehofft, dass Cairn bereits am Dienstag einen größeren Fund von Erdöl verkündet. Die Aktie fiel deshalb um vier Prozent.
Das Unternehmen gehört mit einem Marktwert von 7,6 Mrd. Euro zu den kleineren der Branche. Anders als die internationalen Konzerne wie Exxon, Chevron oder BP betreibt Cairn keine Raffinerien oder Tankstellen, sondern hat sich auf die Erkundung und Erschließung von kleineren oder schwierigeren Feldern spezialisiert und überlässt weitere Schritte anderen. Derzeit versuchen die Schotten, für bis zu 8,5 Mrd. Dollar die Mehrheit an Cairn India zu verkaufen. Dort ist die Phase der Exploration der Quellen weitgehend abgeschlossen. Ein Teil des Geldes könnte für den Ausbau der Förderung in Grönland genutzt werden.
Cairn bohrt noch an einer weiteren Stelle vor der Ostküste Grönlands, erste Resultate könnten schon kommende Woche bekannt gegeben werden. Die Konkurrenten sind noch nicht so weit. So ist Exxon noch dabei, die seismischen Daten auszuwerten, und hat mit Probebohrungen noch nicht begonnen. Das Unternehmen hat Lizenzen für den Bereich westlich von Grönland.
Die harschen Bedingungen in der Arktis erschweren und verteuern die Bohrvorhaben. Sie lohnen sich laut Experten erst bei einem Ölpreis von mindestens 40 Dollar pro Fass. Derzeit kostet ein Fass rund 72 Dollar. "Als kleineres, aber relativ kapitalstarkes Unternehmen hat Cairn sowohl die Finanzen als auch den unternehmerischen Geist für solche Spezialaktivitäten", sagte Melanie Savage, Branchenanalystin bei UBS in London. Cairn sei erheblich risikobereiter als die Großen der Branche, deren Entscheidungsfindung komplexer sei. Cairn sei besser positioniert als die Mitbewerber, so Savage. Im ersten Halbjahr stieg Cairns Umsatz um 311 Prozent auf 333 Mio. Dollar. Der operative Gewinn lag bei 94 Mio. Dollar. Laut Cairn sind alle für das laufende Jahr vorgesehenen Bohrungen finanziert.
Greenpeace protestiert heftig gegen die Bohrungen vor Grönland. Die Umweltgruppe ist mit einem Boot in der Nähe der Bohrungen unterwegs. "Die Ölkonzerne wittern in der Region das große Geschäft", sagte die Greenpeace-Meeresbiologin Iris Menn. Die Risiken seien aber noch deutlich höher als im Golf von Mexiko. "Die Arktis ist hochsensibel, im Falle eines Unfalls regeneriert sich die Natur wegen der Kälte wesentlich langsamer." Außerdem gefährdeten vor Grönland Eisberge die Plattformen, die von Gletschern fallen.
Im Falle eines Unfalls fehlten Cairn anders als BP zudem die finanziellen Mittel, um die Reinigungsaktionen zu bezahlen. Die Schotten verfügten über lediglich 14 Schiffe, die Öl auffangen könnten, dabei könne BP die Ölpest im Golf von Mexiko mit mehr als 6500 Schiffen kaum bewältigen.
Doch Grönland erteilte Cairn erst in der vergangenen Woche die Genehmigung für zwei weitere Tiefseebohrungen vor der Westküste. Die Insel kann die Einnahmen aus dem Ölgeschäft gut gebrauchen: Sie versucht derzeit, sich von dem Mutterland Dänemark loszulösen, für die komplette Unabhängigkeit fehlt aber das Geld.