Die seit Wochen anhaltende Hitzewelle im Getreidegürtel der USA sorgt für Freude bei Landwirten. Deutsche Bauern profitieren von steigenden Weltmarktpreisen und der im Gegensatz zum Vorjahr wieder guten Ernte. Kurioserweise können aber auch US-Farmer, denen die Früchte auf den Feldern verdorren, viel Geld verdienen.
"Für Getreidebauern hierzulande ist es ein sehr gutes Jahr", sagt Christoph Kempkes, Chef von VK Mühlen, einer Hamburger Holding, unter der sich 17 europäische Mühlen bündeln. Seine Einschätzung bestätigt ein Sprecher des Deutschen Bauernverbands: "Die schlechte amerikanische Ernte schlägt durchaus auf Europa durch." Deutsche Bauern könnten zu hohen Preisen ihre Ernte abstoßen.
Aber auch in den USA ist die Stimmung bei Großfarmern gut: "Die Dürre wird viele Farmer sehr reich machen", sagt Chris Hurt, Agrarökonom an der Purdue University in West Lafayette im US-Bundesstaat Indiana. Grund ist ihr oft erfolgreiches Handeln mit Terminkontrakten angesichts der gestiegenen Preise.
Die Dürre in den USA kennt demnach klare Gewinner und Verlierer. Die Bauern profitieren - und zwar unabhängig davon, ob sie in den USA von der Trockenheit betroffen sind oder in Europa eine gute Ernte in einem Umfeld gestiegener Weltmarktpreise einfahren können. Sorgen machen sich dagegen die Abnehmer, insbesondere Lebensmittelindustrie und -händler: "Die höheren Preise wird der Handel vor dem Hintergrund der Finanzkrise nicht so einfach an die Kunden weitergeben können", sagt Anselm Elles vom Beratungsunternehmen AFC Consulting.
Dass deutsche und europäische Bauern von der Dürre in den USA profitieren, liegt zunächst an ihrer verhältnismäßig guten Ernte. Die ist seit dem vergangenen Wochenende so gut wie abgeschlossen. Laut Zahlen aus Brandenburg, die den bundesweiten Trend meist vorwegnehmen, wurden in dem Bundesland 2,3 Millionen Tonnen Getreide geerntet, etwa 400.000 mehr als 2011. Das entspricht nach dem schlechten Vorjahr einer durchschnittlichen Ernte. Zahlen für ganz Deutschland wird der Bauernverband am Mittwoch bekannt geben.
Aber auch Terminmärkte spielen in Deutschland eine Rolle: "Die Bauern haben nur die Hälfte ihrer Ernte im Voraus abgesichert", sagt der Sprecher des Bauernverbands. 2011 seien es noch drei Viertel gewesen. Wegen der schlechten Ernte konnten viele ihre Kontrakte nicht einhalten und mussten teilweise zu hohen Preisen zukaufen. Dieses Jahr profitieren sie von ihrer Vorsicht, da sie das hohe Weltmarktpreisniveau nutzen können. "Steigt der Preis an der Börse in Chicago, steigt der an ,unserer‘ Börse in Paris mit, weil anderenfalls die europäische Ernte in den Export abfließen würde", sagt Mühlen-Chef Kempkes.
Ebenfalls deutlich, wenn auch aus anderen Gründen, profitieren von den Entwicklungen an den Agrarbörsen große Farmer in den USA, die oft einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit mit Spekulationen an Terminmärkten verbringen. "Für sie gilt die Devise: Die Dürre ist großartig", sagt Agrarökonom Hurt. Probleme gibt es allerdings für Farmer, die ihre Ernte im Voraus verkauft haben, nun aber nicht liefern können und zu hohen Preisen zukaufen müssen.
Vertreter der Lebensmittelindustrie befürchten dagegen, dass Unternehmen in Existenznot kommen: "Bei diesen Preissteigerungen für Zucker und Weizen besteht die Gefahr, dass mittelfristig eine Reihe mittelständiger Unternehmen als Marktteilnehmer ausscheiden", sagt etwa Hermann Bühlbecker, Alleingesellschafter des Printenproduzenten Lambertz.