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Merken   Drucken   24.09.2010, 13:43 Schriftgröße: AAA

Kapitalerhöhung im Detail: Wie Petrobras Milliarden ansaugt

Der staatliche Ölkonzern schafft die größte Kapitalerhöhung aller Zeiten. Aber wozu braucht Petrobras das Geld - und wie sind die Folgen für Brasiliens Wirtschaft? Ein Überblick. von Annette Berger, Christine Mai und Tobias Bayer
Der Umfang der Aktienplatzierung schlägt alle Rekorde. In Brasilien ist die bisher weltweit größte Kapitalerhöhung erfolgreich über die Bühne gegangen. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sprach von der größten eines Unternehmens "in der Geschichte des Kapitalismus". Das Volumen liegt bei 120,3 Mrd. Real (fast 70 Mrd. Dollar).
Das Geld soll helfen, die riesigen Ölfunde vor der Küste Brasiliens auszubeuten. Für den scheidenden Staatschef sind diese ein "Geschenk Gottes" und zweite Unabhängigkeit des Landes.
Petrobras gab 1,87 Milliarden neue Vorzugsaktien zum Preis von je 26,30 Real (15,27 Dollar) sowie 2,4 Milliarden neue Stammaktien - die stimmberechtigt sind - zu 29,65 Reais das Stück. Damit fielen die Abschläge mit rund zwei Prozent auf die Schlusskurse vom Tag zuvor geringer aus als erwartet.
Allerdings blieb der Konzern mit den verkauften Aktien unter dem Maximum. Petrobras kündigte an, es sei möglich, dass in den kommenden 30 Tagen weitere 188 Millionen neuer Aktien verkauft würden, um weitere Nachfrage zu befriedigen.
Aktien im Wert von 42,5 Mrd. Dollar gingen an die Regierung im Tausch gegen Förderrechte. Zu dem genauen Ergebnis der Emission hat sich das Unternehmen noch nicht offiziell geäußert.
Für Anleger weltweit ist Brasilien - und damit auch Petrobras  - wegen des enormen Wirtschaftswachstums interessant. Unter den Zeichnern der neuen Aktien sollen auch Staatsfonds aus dem Nahen Osten und Asien sein. Details dazu sind noch nicht bekannt.
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Zudem bekommt Brasiliens Regierung im Rahmen der Emission Aktien im Wert von 42,5 Mrd. Dollar. Der Staatsanteil am gesamten Konzern einschließlich aller Stamm- und Vorzugsaktien steigt damit von 39 auf bis zu 55 Prozent. Damit wächst zwar der Einfluss des Staates auf das Unternehmen enorm. Allerdings hat die Regierung auch schon jetzt die Kontrolle über 55,6 Prozent der Stimmrechte.
Zwischen Petrobras und der Regierung Brasiliens ist die Transaktion eine Art Tauschgeschäft: Sie überschreibt Petrobras Förderrechte für fünf Milliarden Barrel (je 159 Liter) Öl vor der Küste des Landes und stockt im Gegenzug seine Aktien auf.
Brasilien entdeckte in den vergangenen Jahren vor der Küste riesige Ölvorkommen und will diese nun ausbeuten. Sie befinden sich allerdings tief unter dem Meeresboden, sodass die Erschließung der Vorkommen nur mit großem technischen Aufwand möglich ist.
Der Ölkonzern braucht daher das Kapital, um seinen Fünfjahresplan umzusetzen und insgesamt 224 Mrd. Dollar in den Ausbau von Tiefseebohrungen zu investieren. Petrobras gehört mittlerweile zu den weltweit führenden Konzernen bei der Erschließung von Ölreserven in der Tiefsee - ein aus Sicht vieler Experten riskantes Unterfangen auch für Anleger.
Infografik: Auch in der Nordsee und im Atlantik gibt es ...   Infografik: Auch in der Nordsee und im Atlantik gibt es Tiefseebohrungen
"Die wollen 2000 Meter unter dem Meeresspiegel noch mal weitere 3000 Meter tief bohren, um durch brüchige Salzlager an Öl zu kommen, das mit 200 Grad Celsius aus dem Boden schießt und dann auf vier Grad kaltes Wasser trifft. Das ist ambitioniert. Und das Risiko dafür tragen die Aktionäre" hatte der DWS-Aktienfondsmanager Klaus Kaldemorgen in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview im Magazin Capital gesagt.
Erst 2007 überraschte Brasilien die Welt mit der Meldung, unter dem Meeresboden auf gigantische Ölvorkommen gestoßen zu sein. Das Land beziffert das Volumen des "Tupi"-Feldes auf fünf bis acht Milliarden Barrel - der größte Tiefsee-Fund aller Zeiten.
Weitere Entdeckungen folgten. Experten schätzen, dass vor der brasilianischen Küste insgesamt rund 50 Milliarden Barrel Öl zu holen sind. Zum Vergleich: Der weltweite Ölbedarf beläuft sich in diesem Jahr nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) auf rund 30 Milliarden Barrel.
Offshore-Plattformen Wie Petrobras in der Tiefsee nach Öl bohrt
Petrobras nahm gerade erst Probequellen in Betrieb. Aus dem riesigen "Tupi"-Feld tröpfeln bislang nur rund 14.000 Barrel pro Tag. Bis 2015 soll diese Menge jedoch bereits auf fast 600.000 Barrel pro Tag anschwellen.
Welche Gefahren bei der Förderung aus der Tiefsee lauern, zeigte bis vor wenigen Wochen erst die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko: Nach der Explosion der BP-Bohrinsel "Deepwater Horizon" Mitte April kam es zur größten Umweltkatastrophe in den USA.
Die Kapitalerhöhung war wichtig für Petrobras, um die anstehenden Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe zu bewältigen.
Eine Öl- und Gasförderanlage von Petrobras. Das Unternehmen hat ...   Eine Öl- und Gasförderanlage von Petrobras. Das Unternehmen hat hohe Schulden
Zuletzt wuchsten die Schulden des Unternehmens. Der Cashflow legte im ersten Halbjahr nur leicht auf 10,9 Mrd. Dollar zu, höhere Ausgaben und Dividenden verschlangen hingegen rund 20 Mrd. Dollar.
Das Verhältnis der Nettoschulden zum Kapital lag Ende des ersten Halbjahrs laut der Ratingagentur Moody's bei rund 34 Prozent - und damit am oberen Ende des Zielkorridors von Petrobras.
Die Gesamtschulden in der Bilanz schwollen demnach bis Ende Juni auf 64,7 Mrd. Dollar an. Das ist ein - gemessen in der Landeswährung Real - ein Anstieg um 18 Prozent zum Jahresende 2009 und ein Plus von 140 Prozent seit Ende 2008.
Zwar stehen dem Bargeldbestände von 13,4 Mrd. Dollar gegenüber. Moody's warnt aber. "Angesichts des erweiterten Kapitalprogramms und der Wachsumsaussichten wird Petrobras im Jahr 2010 und darüber hinaus großen externen Finanzierungsbedarf haben." Allein in diesem Jahr werden 9,3 Mrd. Dollar an Verbindlichkeiten fällig.
Wegen der Kapitalerhöhung steigt die Nachfrage nach Real. Das treibt den Wert der brasilianischen Währung: Seit Jahresbeginn legte sie gegenüber dem Dollar um 1,2 Prozent und gegenüber dem Euro um 8,2 Prozent zu.
Seit Anfang Juni kletterte der Real zum Greenback sogar um mehr als neun Prozent. Die Notenbank stemmt sich gegen die Aufwertung und interveniert auf dem Devisenmarkt. Vergangene Woche verkaufte sie täglich 1 Mrd. Dollar.
Gegen den Dollar kletterte der Real nicht so stark wie im Vergleich ...   Gegen den Dollar kletterte der Real nicht so stark wie im Vergleich zum Euro
Aus Sicht von Marktteilnehmern sind solche Interventionen auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten. Deshalb wird darüber spekuliert, ob Brasilien die Kapitalverkehrskontrollen verschärft oder den Staatsfonds eingreifen lässt. "Sie könnten den Staatsfonds dazu nutzen, um Dollar aufzukaufen. Das könnte in einer größeren Dimension stattfinden als durch die Notenbank", sagt Nick Chamie, Leiter Schwellenländer-Research bei RBC Capital Markets.
Allerdings rechnen Investoren damit, dass nach Petrobras weitere brasilianische Unternehmen die Gunst der Stunde nutzen - und an den Kapitalmarkt gehen. "Man sollte nicht die ganze Aufmerksamkeit auf Brasilien lenken. Andere Firmen nutzen die gute Stimmung gegenüber Brasilien ebenfalls, um ihre eigenen Expansionspläne zu finanzieren", sagt Flavia Cattan-Naslausky, Analystin bei RBS Global Banking.
Allein in der ersten Septemberwoche begaben Firmen wie der Minenkonzern Vale, der Stahlkocher CSN und die Telefongesellschaft Telemar  Anleihen im Wert von 6 Mrd. Dollar.
Sie wächst rasant. Für das Gesamtjahr erwarten die Volkswirte einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von rund 7,5 Prozent. Allerdings dürfte sich die Dynamik im zweiten Halbjahr im Vergleich zu den ersten sechs Monaten abschwächen.
Rio den Janeiro: Die Wirtschaft des Landes wächst stark   Rio den Janeiro: Die Wirtschaft des Landes wächst stark
Sowohl bei den Investitionen als auch den Konsumausgaben flacht sich die Entwicklung etwas ab. "Die Wirtschaft wird sich abkühlen und sich ihrem Potenzial nähern", sagt Guilherme Loureiro, Volkswirt bei Barclays Capital. Das Potenzialwachstum schätzen Volkswirte auf fünf Prozent.
2011 wird für das südamerikanische Land eine Zäsur: Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) dürfte Brasilien sich zum ersten Mal zum Nettoexporteur von Rohöl wandeln. Die IEA geht davon aus, dass der tägliche Rohölausstoß des Landes - dabei ist Ethanol ausgeklammert - von derzeit 2,2 auf dann 2,4 Millionen Barrel (je 159 Liter) täglich ansteigen wird.
Eine Petrobras-Bohrinsel vor Rio de Janeiro   Eine Petrobras-Bohrinsel vor Rio de Janeiro
Die Erschließung neuer Felder ist dabei entscheidend. Im Juni begann die Produktion der Vorkommen Urugua und Cachalote. Die Kapazität wird auf 35.000 und 100.000 Barrel täglich geschätzt. Große Hoffnungen werden zudem auf "Tupi" vor der Küste Rio de Janeiros gesetzt.
Die Marktlage war 2010 monatelang relativ ungünstig für Kapitalerhöhungen, vor allem, weil die europäische Schuldenkrise im Frühsommer für schwere Turbulenzen sorgte. Die bisher größte Transaktion - vor der Petrobras-Emission - stemmte laut dem Datendienstleister Dealogic der deutsche Autobauer Volkswagen . Rund 5,7 Mrd. Dollar sammelten die Wolfsburger ein. Das Geld soll für die Eingliederung der Luxusmarke Porsche  und zur Ratingpflege genutzt werden.
VW sammelte in diesem Jahr 5,7 Mrd. Dollar ein   VW sammelte in diesem Jahr 5,7 Mrd. Dollar ein
Ansonsten finden sich unter den zehn größten Kapitalerhöhungen vor allem Transaktionen von Banken. Die italienische Unicredit  polsterte mit 5,6 Mrd. Dollar ihre Kapitaldecke auf, die Bank of Ireland sammelte 2,1 Mrd. Dollar ein. Die Institute saugen sich nach den Verlusten der Finanzkrise mit frischem Geld voll, gerade viele europäische Institute haben hier Nachholbedarf.
Aber auch die chinesischen Banken benötigen mehr Kapital, nachdem sie 2009 die Kreditvergabe auf ein Rekordniveau ausgeweitet hatten. Gleich drei Banken aus der Volksrepublik liegen unter den ersten zehn: Die Bank of Communications nahm 4,8 Mrd. Dollar auf, die China Merchants Bank 3,2 Mrd. Dollar und die Industrial Bank 2,6 Mrd. Dollar. Die Deutsche Bank  sammelt aktuell 10,2 Mrd. Euro von ihren Aktionären ein.
  • FTD.de, 24.09.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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