Der Ölkonzern Royal Dutch Shell zieht wegen der Schuldenkrise Geld in Milliardenhöhe aus Europa ab. Finanzvorstand Simon Henry sagte der Londoner Tageszeitung "The Times", das Unternehmen wolle die 15 Mrd. Dollar Barmittel stattdessen in US-Staatsanleihen oder bei US-Banken anlegen.
Damit zieht Shell fast seine gesamten Barreserven aus Europa ab. Zum Ende des zweiten Quartals wies Shell liquide Mittel in Höhe von 17,3 Mrd. Dollar aus. Der Ölkonzern macht zwar nach wie vor Milliardengewinne, allerdings trifft ihn die Konjunkturkrise bereits hart - über den sinkenden Ölpreis. Der Gewinn des niederländisch-britischen Konzerns schrumpfte im zweiten Quartal stärker als erwartet um 53 Prozent auf 8,1 Mrd. Dollar. Der Umsatz sank aber nur leicht auf 117 Mrd. Dollar. Die Hoffnung der Ölmultis auf höhere Ölpreise dürfte sich vorerst nicht erfüllen. "Wegen des konjunkturellen Abschwungs gehe ich davon aus, dass wir einen niedrigeren Ölpreis bekommen werden als in den vergangenen 18 Monaten", sagte Shell-Chef Peter Voser mit Blick auf die Preise im zweiten Halbjahr.
Shell und die großen westlichen Rivalen wie Exxon Mobil, BP oder Total ringen sowohl mit den Schwankungen des Ölpreises als auch mit Schwierigkeiten, an neue Ressourcen zu kommen. Die Regierungen in den Förderländern tendieren dazu, ihr Öl und Gas lieber von staatlichen Unternehmen produzieren zu lassen. Entweder, die Quellen sind teuer auszubeuten, oder für die privaten Ölmultis nicht erreichbar. Shell kämpft etwa mit hohen Wartungskosten für die Ölproduktion im Golf von Mexiko und mit dem unter Umweltschützern hochumstrittenen Versuch, in der Arktis zu fördern. Außerdem nimmt die Konkurrenz aus Asien zu, vor allem aus China.
Immer mehr Fachleute befürchten ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone. So beziffert die US-Großbank Citi die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland den Währungsraum in den kommenden 18 Monaten verlässt, inzwischen auf 90 Prozent. Sollte das so kommen, warnte die US-Ratingagentur Moody's kürzlich, sei die Gefahr einer Ansteckung auf andere Staaten - wie etwa Portugal, Spanien und Italien - sehr groß. Wie die Financial Times meldete, bereite sich die Wall Street bereits auf einen Euro-Zusammenbruch vor. Große Institutionen empfehlen ihren Geschäftskunden demnach bereits, Verträge entsprechend umzustrukturieren - damit sie im Ernstfall nicht Zahlungen in abgewerteten Drachmen oder Peseten erhalten.
Tatsächlich sind die wirtschaftlichen Aussichten für Europa düster. Experten gehen davon aus, dass die gesamte Euro-Zone wegen der harten Sparprogramme bereits in diesem Sommer in die Rezession stürzt. Darauf deuten viel beachtete Stimmungsumfragen unter Einkäufern, die an entscheidenden Schnittstellen in ihren Firmen sitzen. Auch für 2013 werden Konjunkturprognostiker immer pessimistischer: Noch immer ist unklar, ob die kriselnden Südländer die Talsohle bald durchschreiten. Spanien, Italien, Griechenland, Portugal sowie die Niederlande stecken bereits in der Rezession.
Die Arbeitslosigkeit im Währungsraum steigt beinahe ungebrochen weiter: mit 11,2 Prozent liegt die Erwerbslosenquote heute auf dem höchsten Stand seit Einführung der Gemeinschaftswährung. In Spanien könnte bald jeder Dritte ohne Job sein, glauben manche Ökonomen. Bereits heute sucht dort jeder vierte eine Beschäftigung.