Auf den Schreibtischen liegen Bioabfälle. Ein Stück dunkle Schokolade, Walnussschalen, Moose vom letzten Waldspaziergang "Überall, wo man geht und steht, nimmt man Dinge mit", erklärt der Designer Mark Gutjahr die kreative Unordnung. Wie ein Eichhörnchen sammelt er für den Ludwigshafener BASF-Konzern Materialien. Selbst Müll kann ihn inspirieren.
Der 39-Jährige leitet die Abteilung für Farbdesign in Europa, im Unternehmensjargon: Color Design Coatings. Knapp vier Autostunden von der Konzernzentrale entfernt arbeiten in Münster drei Designer an den Trends der Zukunft. Auf allen Kontinenten - mit Ausnahme von Australien - besitzt BASF weitere Teams. Auch Glitzerknöpfe, Bonbonpapiere und grüner Tee helfen ihnen, angesagte Farben aufzuspüren.
Menschen wie Gutjahr sind für Unternehmen wie BASF extrem wertvoll. "Wenn sie einen Farbtrend schnell erkennen, beeinflusst dies vielleicht nicht direkt das wirtschaftliche Ergebnis. Es stärkt aber ihre Position beim Hersteller", sagt der Leiter des Geschäftsbereichs Coatings, Markus Kamieth. BASF arbeitet mit fast allen Autoherstellern zusammen. Kein Wunder, denn das Design eines neuen Fahrzeugmodells ist Verkaufsgrund Nummer eins. Farbe ist dabei ein essenzieller Bestandteil. So wirbt die BMW-Kleinwagentochter Mini gern damit, dass kein Auto aussieht wie das andere. Auch Opel schlägt mit dem neuen Adam den gleichen Weg ein.
Für BASF ist das Geschäft mit dem Lack sehr einträchtig. Im vergangenen Jahr machte der Konzern damit 2,8 Mrd. Euro Umsatz. "Der Autobereich macht zwei Drittel des Gesamtumsatzes aus", so Kamieth.
Im Erdgeschoss der BASF-Kreativzentrale hängen 65 Farben aus der Trendreihe. "La Égoïste" ist etwa ein Beerenton, der in China gut ankommen könnte. Künftig, glaubt Gutjahr, werden die Autobauer ihre Farbpalette noch stärker auf die einzelnen Märkte ausrichten. Farbe unterliege keinem globalisierten Geschmack. Die Schwellenländer machten das Thema komplex.
Hierzulande dominierte lange Silber die Autowelt. Es folgten die Kaffeetöne der Latte-macchiato-Gesellschaft aus den Großstadtcafés - und dann das von Apple inspirierte Weiß. Und was kommt in vier, fünf Jahren? "Wir setzen auf Grün", sagt Gutjahr. Zu seinen eigenen Markenzeichen zählt allerdings ein Porsche 924 in erdigem Braun. Passenderweise mit Ablage, denn Gutjahr trägt Hut.
Farben sind für Gutjahr nicht nur Töne. "Eine Farbe muss gesellschaftliche Relevanz haben", sagt er. Um diese aufzuspüren, besuche sein Team sogar Diskussionsrunden zu gesellschaftlichen Themen. Auch die Hersteller selbst verfolgen mit Farben Botschaften. Mit sogenannten Kommunikationsfarben zur Markteinführung eines neuen Modells versuchen sie, ihr Markenimage zu prägen - wie zum Beispiel BMW mit dem kleinen Geländewagen X1. "BMW wollte mit der Farbe Marrakeschbraun signalisieren, dass urbane Orte immer naturnaher werden", so Gutjahr. "Das passt zur Marke und auch zum Modell Geländewagen." Dabei schauen sich die Designer erst die Marke an. "Tritt ein Autokonzern zum Beispiel als Sponsor für den Golfsport auf, dann schauen wir uns zum Beispiel Weiß und Grün näher an."
An Sonderlackierungen verdienen die Autobauer ordentlich Geld. Branchenexperten rechnen mit einem Materialpreis von 40 Euro pro Autolackierung. Der gesamte Lackierungsprozess mit Lack, Arbeitszeit und Kosten für Maschinen liegt bei etwa 300 bis 400 Euro, Metallic-Lack kostet zwischen 500 und 1000 Euro Aufpreis.
Für Bereichschef Kamieth sind die neuen Lackierprozesse mindestens genauso interessant wie die Farben selbst. Durch das Weglassen einer von jetzt noch üblichen vier Schichten können die Prozesse billiger und umweltfreundlicher werden. "70 Prozent der gesamten Energie, die bei der Autoproduktion verbraucht wird, fallen bei der Lackierung an", so Kamieth.