Wäre Jürgen Schrempp nicht gewesen, würde Ernst Lieb heute möglicherweise auf eine äußerst erfolgreiche Karriere zurückblicken. 36 Jahre lang arbeitete der Stuttgarter Manager für den Autohersteller Daimler, zuletzt als USA-Chef von Mercedes-Benz.
Unter seiner Führung stieg Mercedes-Benz in den USA zur größten Premium-Marke auf. In seiner repräsentativen Dienstvilla in New Jersey empfing der Mann mit dem Clark-Gable-Bärtchen die Wichtigen und Reichen aus New York. "Mr. Mercedes" war bekannt für seine Liebe zu teuren Autos, gutem Wein und gutem Essen.
Aber Ernst Lieb konnte eben auch liefern. In den ersten neun Monaten 2011 legte er mit einem Absatzplus von zehn Prozent glänzende Zahlen vor. Als er am 18. Oktober 2011 ohne Angabe von Gründen freigestellt und einen Tag später fristlos entlassen wird, verschlägt es Kollegen und Händlern in den USA den Atem. Am den Zahlen kann es nicht liegen, sagen sie.
An den Geschäftszahlen lag es auch nicht. Daran gemessen hat Lieb dem Unternehmen mehr genutzt als geschadet. Aber Zahlen sind nicht alles. Der Stuttgarter Zentrale geht es um mehr als Gewinne. Lieb verstieß - in größerem Ausmaß - gegen ein Prinzip, das Daimler seit dem Jahr 2010 zur bestimmenden Doktrin erheben musste. Schrempp lockte mit der US-Börsennotiz die Ermittler der Finanzaufsicht SEC auf die Fährte von Daimler-Managern. Ohne sie wäre auch Ernst Lieb wie viele seiner Vorgänger, die ihre privaten Extravaganzen auf Kosten von Arbeitgeber und Kollegen finanzierten, ehrenvoll in den Ruhestand gegangen.
Doch seit die US-Börsenaufsicht SEC 2004 begann, wegen Korruption gegen Daimler zu ermitteln, seit ab 2010 ein Ex-FBI-Chef im SEC-Auftrag gnadenlos jeden Hinweis auf Unregelmäßigkeiten verfolgt, fährt der Konzern in Sachen Compliance ein "Zero-Tolerance"-Programm gegen seine eigenen Führungskräfte. Und die neu eingerichtete Compliance-Abteilung wurde nach Einrichtung einer Hotline für anonyme Hinweise beschämend oft fündig.
Auch Lieb stolperte über den Hinweis einen Mitarbeiters. Der Vorwurf: Er habe sich auf Firmenkosten bereichert. Lieb ließ in die repräsentative Dienstvilla in New Jersey ein Heimkino einbauen - für 89.000 Dollar, außerdem einen Fitnessraum für 22.000 Dollar. Außerdem: Eine Waschmaschine auf Firmenkosten, ein Trockner, ein Bett, eine Barbecue-Anlage, die Mitgliedschaft im Golfclub und noch einiges mehr. Liebs Sturz ist einer von vielen Skandalen, die die Selbstbedienungsmentalität der Führungskräfte im Konzern illustrieren.
Jahrzehntelang zahlte Daimler viele Extras. Vor allem die Auslandsmanager standen unter dem Verdacht, die Kosten ihrer privaten Lebensführung in einen sehr engen Zusammenhang mit ihren geschäftlichen Pflichten zu bringen. Zwar beteiligt sich Daimler an Lebenshaltungskosten von ins Ausland entsandten Managern - nicht wenige haben es wie Lieb aber übertrieben.
Vor 2010 wäre der Fall Lieb möglicherweise so ausgegangen wie der Fall Wolfgang Schrempp. Der Bruder des ehemaligen Daimler-Chefs leitete bis 2010 das Konzerngeschäft in Australien und dem pazifischen Raum. Der "Spiegel" beschreibt die Umzugskosten nach Down Under: Schrempp ließ die Dienstvilla für 274.000 Euro renovieren, stellte Daimler Vorhänge für 34.000 Euro, Küchengeräte für 13.000 und ein Weinregal für 8200 Euro in Rechnung. Die Pflege für Garten und Swimmingpool schlug mit 86.000 Euro zu Buche. Die interne Revision deckte den Fall auf. Schrempp musste nie vor Gericht. Er durfte sich zum 31. Dezember 2010 in die Frühpensionierung verabschieden, mit 121.000 Euro "pauschalem Rentenersatz."
In dieser Kultur bewegte sich Ernst Lieb 36 Jahre lang. Er passte sich an den "integrierten Technologiekonzern" von Edzard Reuter und an die "Welt AG" von Jürgen Schrempp an. Den Strategie-Schwenk in Sachen Compliance scheint er verpasst zu haben. Dabei hatte er als USA-Chef einen Logenplatz, um die Ermittlungen der SEC gegen seinen Arbeitgeber zu verfolgen. Zeichen genug gab es: Bereits vor 2011 soll Lieb aufgefallen sein, weil er gegen interne Richtlinien verstieß. "Ernst wurde gewarnt, aber er hat es wieder getan," sagte ein langjähriger Daimler-Manager dem "Handelsblatt".
2010 schlug das Wetter in der Zentrale um. Daimler war Opfer seiner eigenen Geschäftspolitik geworden. Weil der Konzern im Rahmen des Daimler-Chrysler-Abenteuers an die US-Börse gegangen war, unterliegt er der dortigen Börsenaufsicht - auch noch fünf Jahre, nachdem er sich dort vom Parkett verabschiedet hat.
Spätestens 2010 hätte Lieb die Sache mit dem Golfklub überdenken müssen. In diesem Jahr zahlte Daimler 185. Mio. Dollar in einem Vergleich. Zuvor hatten die US-Behörden jahrelang gegen den deutschen Autobauer ermittelt, weil Manager in 22 Ländern Amtsträger bestochen hatten, um an Aufträge zu kommen. Die Ermittlungen wurden unter der Auflage eingestellt, dass Daimler unsaubere Geschäftspraktiken in Zukunft verhindert. Überwacht wird dies auf Anordnung der SEC durch einen "Monitor" - Ex-FBI-Chef Louis Freeh. Diese Personalie wäre ein weiterer Grund gewesen, die Sache ernst zu nehmen - was Lieb offenbar nicht tat, ebensowenig wie die rund 40 anderen Manager, die ab 2011 entlassen wurden.
Freehs Beratungsunternehmen rechnet für seine Mitarbeiter horrende Tagessätze ab. Bezahlen muss Daimler. Der "Spiegel" vergleicht seine Befugnisse mit denen eines Staatsanwalts. Manager müssen ihm Rede und Antwort stehen und auf Wunsch Akten aushändigen. Der Amerikaner nahm seinen Auftrag sehr ernst, im Gegensatz zu den Spesenrittern, unter denen er wütete. Laut "Spiegel" empfinden einige bei Daimler die Nachforschungen und Prüfungen der Compliance-Abteilung mittlerweile gar als neue Form des Handelskrieges.
Freeh ist bis zum 31. März 2013 berufen. Berichtet er der SEC dann nicht, dass Daimler ein wirksames System gegen Korruption und Selbstbedienung eingeführt hat, drohen eine Anklage und Milliardenstrafen. Daimler ist nur unter scharfer Aufsicht und auf Bewährung frei. Dass der Konzern in zahlreichen Compliance-Fällen Dauergast vor den Arbeitsgerichten ist, liegt also kaum in der Hand des Vorstandes um Dieter Zetsche.
Der Fall Lieb wird nun vor dem Arbeitsgericht Stuttgart entschieden. Den Gütetermin ließen beide Parteien ohne Einigung verstreichen. Also werden jetzt die Details öffentlich verhandelt, etwa, ob sich Lieb mehrere Tausend Dollar Stromkosten für die aufwendige Weihnachtsbeleuchtung der Villa erstatten lassen durfte. Die Konzernrevision hat ein langes Sündenregister zusammengetragen.
Lieb bestreitet den Vorwurf der Bereicherung. Er hat Professor Stefan Nägele als Anwalt engagiert, einen Experten für Arbeitsrecht, der mit Klagen gegen Daimler schon reichlich Routine hat. "Wer Herrn Lieb kennt, der weiß, dass ihm ein Fitnessraum nicht so wichtig ist, eine Gourmet-Ecke wäre ihm lieber gewesen", sagt Nägele vor Gericht - die Einbauten in der vornehmen Dienstvilla seien noch von Liebs Vorgänger Paul Halata bestellt worden.
Das ist die Linie der Verteidigung. Lieb habe nichts selbst veranlasst und wenn, dann nur zum Wohl von Daimler. Die "FAZ" beschreibt ein Beispiel: Liebs Familie habe zum Beispiel in den ersten Arbeitswochen die auf Firmenkosten gekauften Betten benutzt, bis der eigene Hausrat aus Australien eingetroffen sei. Das sei wesentlich billiger gewesen, als die Familie im Hotel unterzubringen.
Halata ging 2006 in den Ruhestand. Auch wenn er seine Dienstvilla nach Angaben von Nägele etwas zu ambitioniert umgebaut haben soll, gab es eine Abfindung von 2,1 Mio. Dollar, geräuschlos und süß. Andere Zeiten, andere Sitten.