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Merken   Drucken   24.04.2012, 22:29 Schriftgröße: AAA

Kochs Auftritt auf HV: Pumas junger Sprinter

Vor einem halben Jahr wurde Franz Koch im Alter von 32 Chef von Puma, eine Sensation. Nach der Ära des großen Jochen Zeitz muss er seinen eigenen Plan für den Sportartikelhersteller präsentieren. Nun hat Koch vor den Aktionären seinen ersten Auftritt als CEO.
© Bild: 2012 DPA/Bildfunk/David Ebener
Vor einem halben Jahr wurde Franz Koch im Alter von 32 Chef von Puma, eine Sensation. Nach der Ära des großen Jochen Zeitz muss er seinen eigenen Plan für den Sportartikelhersteller präsentieren. Nun hat Koch vor den Aktionären seinen ersten Auftritt als CEO.
von und Herzogenaurach

An Tagen wie diesen gibt es viele Fragen, lange, kurze, schwierige, verärgerte, neugierige, nach Gewinn, Umsatz, Dividende, und all diese Fragen hat Franz Koch auf der Hauptversammlung von Puma  am Stadtrand von Herzogenaurach, beantwortet. "Ich habe fleißig mitgeschrieben", hat er zu den Aktionären gesagt. Nichts soll unklar bleiben.

Doch zwischen all diesen Fragen hat es eine gegeben, die hat er nicht beantwortet.

Was machen Sie anders als Jochen Zeitz?

"Das muss wohl unterbewusst passiert sein", sagt Koch später. Keine Absicht. Und schiebt nach: "Ich bin ein Teamplayer." Vielleicht war es auch unterbewusste Verdrängung. Denn es ist diese eine Frage, die ihm immer wieder gestellt wird.

Es ist, auf den ersten Blick, eine normale Frage an einen Nachfolger. Und doch ist es eine ungemein schwierige, ja im Grunde ist es die Frage aller Fragen - geht es doch für jeden Manager um die eigene Handschrift, den eigenen Plan. Und das umso mehr, wenn man gerade mal 33 ist, einen Sportartikelhersteller mit Milliardenumsatz führt und der Vorgänger Jochen Zeitz heißt, ein Name, der selten ohne Raunen gesagt wird. Der große Zeitz. Der Puma gerettet und 20 Jahre geführt hat.

In genau dieser Situation ist Franz Koch.

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Seit gut einem Jahr ist die Personalie nun bekannt, die für die Sportwelt eine Sensation war: Ein 32-Jähriger wird Nachfolger von Zeitz, ein Stratege aus der zweiten Reihe! Die Zeitungen schrieben damals über den "jungen Unbekannten", den "absoluten Nobody". Bei Adidas , dem Erzrivalen, spottete man, "den noch nie gesehen" zu haben. Einige lästerten über den "Versuch, Geschichte zu wiederholen". Denn auch Zeitz war 1993 erst 30, als er Chef von Puma wurde. Damals aber war das Unternehmen am Boden, Zeitz hatte nichts zu verlieren.

Für Koch geht es nun, nach Jahren des Wachstums, um neue Strategien, neue Pläne, hohe Umsatzziele. Denn irgendwie ist die Luft ein wenig raus, Puma nicht mehr ganz so cool, die Marke nicht mehr ganz so heiß - und das muss er ändern.

Natürlich fängt Franz Koch nicht bei null an. Er ist zwar erst seit fünf Jahren bei Puma. Aber in der Zeit arbeitete er als Chefstratege so nah an Zeitz dran, dass alle Pläne und Strategien auch über seinen Schreibtisch und durch seinen Kopf gingen. "Ich habe früh in ihm das große Potenzial gesehen", sagt Zeitz. "Er war immer in meinem Hinterkopf." "Er war der Joker von Zeitz", sagt Klaus Bauer, der COO. "Er ähnelt Zeitz, als der 30 war. Er ist authentisch, nahbar und hat den Bezug zur Jugend."

Es geht also für Franz Koch vor allem um die Rolle, die er finden muss, um seine Handschrift, das Eigene, das er nach der langen Zeitz-Ära schaffen will. Wie nur geht man damit um?

"Natürlich sind das richtig große Fußstapfen", sagt Koch. "Zeitz ist eine Ikone bei Puma." Ist der Druck groß? "Natürlich spüre ich Druck. Aber er macht mir keine Angst, sondern spornt mich an." Zeitz sei sein Mentor, sei noch im Hintergrund.

Bei der Hauptversammlung ist der Rollenwechsel gut zu beobachten. Vor einem Jahr saß Koch noch stumm auf dem Podium, überließ Zeitz die Bühne. Am Dienstag war es umgekehrt. Er beantwortete sogar Fragen, die an Zeitz, der beim französischen Großaktionär PPR  über Puma wacht, gerichtet waren. "Das ist doch ein gutes Zeichen", sagte Zeitz anschließend. "Das habe ich früher auch so gemacht."

Und es war ja ein angenehmer Termin. Der erste Auftritt vor 123 Aktionären, und es gab mehr Lob als Tadel. Die Ergebnisse seien "ein exzellenter Einstand", sagte ein Aktionärsvertreter. Und dass Puma Ausrüster des deutschen Meisters Borussia Dortmund werde, "ein schöner Anfangserfolg und auch Glück". Kritik gab es nur an der Dividende: "Wir fühlen uns abgespeist", wetterte ein Teilnehmer.

In einem Jahr könnten die Fragen kritischer werden - wenn Koch seine ehrgeizigen Ziele nicht erreicht. Aber, sagt er, das Wachstum von 3 auf 4 Mrd. Euro Umsatz bis 2015 sei "ein Marathon und kein Sprint, da halte ich es mit meinem Vorgänger".

Ein Sprint, das war nur seine eigene Karriere. Wobei das Eigentümliche ist, dass sie nicht vorgezeichnet, nicht geplant war. Auch Koch schüttelt heute noch den Kopf, wenn er darüber spricht.

Jochen Zeitz, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Puma AG   Jochen Zeitz, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Puma AG

Sein Lebenslauf lässt nicht den Atem stocken, im Gegenteil, er ist herrlich normal, ein paar Highlights, Stationen der Freiheit. Kein Übermensch.

Koch stammt aus Lübeck, er hat fünf Geschwister. Sein Leben dreht sich schon früh um Sport, er surft, spielt Tennis - und Hockey. Mehrmals pro Woche fährt er nach der Schule mit dem Zug zum Training nach Hamburg. Mit 16 kommt der große Schlag: Sein Knie macht nicht mehr mit, sein Traum, Olympia zu spielen, ist aus - die Ärzte wollen in dem Alter nicht operieren. Also kein Hockey mehr, er surft jetzt mehr, fährt Ski. Ohne Sport geht es nicht. 1998 macht er Abitur. Danach wird er doch operiert und will es erneut wissen, kämpft sich beim Hamburger HTHC wieder ran. Zwei Jahre später wird er mit dem Klub deutscher Meister.

Im Jahr 2011 geht er für ein Jahr nach Sydney, er will den Master of Commerce machen - vor allem aber will er raus, das BWL-Studium in Hamburg hat ihn gequält. Es ist ein Leben voller Freiheit, Sonne und Wasser. Er wohnt in einem Haus am Strand, surft morgens, spielt Hockey, reist an der Küste entlang. "Ich war so frei. Es war ein Abenteuer am anderen Ende der Welt", sagt Koch.

Zurück in Deutschland geht er nach Leipzig auf die Handelshochschule, nach dem Abschluss 2004 zu einer Beratung. Nach drei Jahren, Koch ist 28 Jahre alt, ruft ein alter Hockeyfreund an und fragt, ob er in die Strategieabteilung von Puma kommen wolle. Klar will er! Sport ist sein Leben!

Nur ein Jahr später wird er Head of Global Strategy. Es ist eine kleine, feine Abteilung, ein paar Leute, die Zeitz unterstellt sind. "Ich hatte einen engen Draht zu Zeitz", sagt Koch. "Trotzdem ließ er mir meine Freiheiten und hat mich machen lassen."

Und dann, im Januar 2011, kommt dieser Anruf des Übervaters. Koch muss für eine OP einige Tage ins Krankenhaus. Er schreibt eine E-Mail an Zeitz, der ruft sofort an, sagt, dass er Koch in "den Prozess" bringen möchte. Der "Prozess" beschäftigt Puma seit Monaten, es geht um die wichtigste Personalie seit 20 Jahren: die Nachfolge von Jochen Zeitz.

François-Henri Pinault   François-Henri Pinault

Über 100 Kandidaten werden gesichtet. Und recht spät bringt Zeitz seinen jungen Strategen ins Spiel, seinen Joker. "Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet. Ich hatte mich ja gar nicht beworben", erinnert sich Koch. "Darüber hatte ich auch nicht eine Sekunde nachgedacht."

Einige Wochen später fährt er, noch auf Krücken, nach Paris zu PPR. Absolviert Interviews, Psychotests, zum Schluss ein Gespräch mit François-Henri Pinault, dem PPR-Chef. Und irgendwann hört er diese Frage. "Wollen Sie CEO von Puma werden?"

Ihm wird schlecht. Dann sagt er zu. Steigt ins Taxi, wie in Trance, sein Kopf ist leer, er kann nicht fassen, was passiert ist. Zu Hause fragt seine Freundin: "O Gott, was heißt das jetzt?" Was heißt das für ihre Pläne, die Heirat, Kinder? (Franz Koch wird beide Ziele noch 2011 erreichen.)

"Ich komme mir manchmal selbst komisch vor, diese Geschichte zu erzählen", sagt er und lacht. Er, Franz Koch, 33, CEO von Puma. Und jetzt muss er CEO sein - ohne ihn zu spielen. Muss Aktionären die magere Dividende erklären. Muss führen, Tausende Mitarbeiter, gestandene Manager über 50, ohne abzuheben, sich abzukapseln.

Es ist ein Lernprozess, ein Ausprobieren. Gut zu beobachten war das auch auf der Bilanz-PK Mitte Februar, ein wichtiger Termin, das erste Mal präsentiert er die Zahlen. Im Foyer versammeln sich die Journalisten, und Koch kommt die Treppe herunter, in Jeans, Turnschuhen und blauem Jackett.

Es ist kein Bahn-frei-hier-kommt-der-CEO-Herunterkommen, nein, er geht zu den Wartenden, stellt sich dazu, ja ab und zu steht er sogar noch allein. Er beherrscht den Raum noch nicht.

Schnell liest er die Rede ab, es sind gute Zahlen, 3 Mrd. Euro Umsatz, 230 Mio. Euro Gewinn. Er beantwortet die Fragen der Journalisten problemlos. Nur einmal zögert er, da geht es um Zahlen im Fußballgeschäft. Keine Details, sagt er.

Kennzahlen von Puma   Kennzahlen von Puma

Da schiebt Klaus Bauer, der COO, ihm einen Zettel zu. "Ich habe gerade einen Zettel zugespielt bekommen", sagt Koch, lächelt. "Ja, dann sagen Sie die Zahlen doch einfach!", ruft ein Journalist.

Er zögert. "Ich bleibe dabei", sagte er schließlich. "Keine konkreten Zahlen zu einzelnen Kategorien."

Eine Stunde später sitzt er in seinem Büro. Hell ist es, bunt. Die schwarzen Ledermöbel von Zeitz sind ausgeräumt, die Wände hat er farbig, in Grau und Grün, streichen lassen. Am Fenster lehnen Surfboards, über dem Garderobenständer hängen vier Jacken. Hinter dem Holzschreibtisch steht ein buntes Regal, darin Bücher, Bildbände, zwei Tischtennisschläger, eine Baseballkappe, ein "Monopoly".

Er muss Interviews führen, auf Deutsch, auf Englisch, mit Radios und Fachmagazinen. Sobald er telefoniert, legt er den Schalter um. Jedes Mal sagt er: "Zunächst einmal freue ich mich über die 3 Mrd. Umsatz." Ist das nicht nervig?

Koch grinst. Klar, es gibt Schöneres. Aber da muss er jetzt durch. "Diese Presseauftritte", sagt er, "das bin ich eigentlich gar nicht. Aber die gehören jetzt halt dazu." Diese langen Reden, die findet er langweilig. Er muss das lernen, das Umschalten. Nach außen wie nach innen. "Ich kam aus der Mitte, aus dem Herzen von Puma", sagt er. "Jetzt bin ich ganz oben und muss mich anders orientieren."

Er will ja auch der alte Franz bleiben, der auf Geschäftsreisen mit grauem Kapuzenpulli in der Economy-Class fliegt. Der morgens zwischen 7 und 8 Uhr im Fitnessraum ist und zwischendurch noch Zeit hat, im "Puma Social Club" eine Runde Tischtennis zu spielen. Der Klub war seine Idee, es ist ein großer Raum mit Kickerkasten, Fatboys, Fernseher und Tischtennisplatte. "Ich will ja auch für alle ansprechbar bleiben", sagt er. Er redet dann von Signalen, von Augenhöhe, von Führung. "Das alles ist keine Mission Impossible. Das kann ich lernen."

"Für mich ist das Alter nicht wichtig", hat auch Zeitz gesagt. "Für mich zählt, was jemand leisten kann. Ich habe jahrelang mit ihm zusammengearbeitet. Er denkt sehr analytisch und strategisch."

Großes Lob gab es bei der Versammlung für den neu gestalteten Geschäftsbericht, den "Clever Little Report", wie auf der Hülle steht. Darin gibt es Angaben, die andere Konzerne scheuen, etwa über Tarifverträge, Arbeitsunfälle oder Kündigungen nach Regionen. "Wir waren immer erfolgreich, wenn wir Dinge anders gemacht haben", sagte Koch dann. "Während Wettbewerber über Blut, Schweiß und Tränen reden, heißt das bei uns Freude."

Anders machen. Da hat er, indirekt, doch darüber gesprochen. Über sein großes Thema.

Fast Forward
Ausbildung Frank Koch wird 1979 in Lübeck geboren. 1998 macht er Abitur, von 1999 bis 2004 studiert er BWL in Hamburg und an der Handelshochschule Leipzig. 2001 macht er den Master of Commerce in Sydney. Er spielt leidenschaftlich Hockey, 2000 wird er mit dem Hamburger HTHC deutscher Meister.
Aufstieg Von 2004 bis 2007 ist Koch Berater bei der Consultingfirma Oliver Wyman. 2007 wechselt er zu Puma. Im Jahr drauf wird er Head of Global Strategy, im März 2011 ernennt man ihn zum Chief Strategic Officer. Seit Juli 2011 ist er Chef von Puma.
Angriff Koch hat sich mit dem Fünf-Jahres-Plan "Back on the Attack" ehrgeizige Ziele gesetzt. Der Umsatz soll bis 2014 von heute 3 auf 4 Mrd. Euro steigen. Außerdem soll Puma wieder mehr Sportmarke sein.
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  • Aus der FTD vom 25.04.2012
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