FTD.de » Unternehmen » Industrie » China - vom Lehrling zum Meister
Merken   Drucken   28.04.2012, 12:00 Schriftgröße: AAA

Konkurrent aus Fernost: China - vom Lehrling zum Meister

Auf der Hannover Messe sind sie in dieser Woche groß gefeiert worden, die Gäste aus China. In vielen Industriebranchen werden sie aber zunehmend zur Bedrohung und setzen den Lehrmeistern aus Deutschland zu. Ein Überblick.
© Bild: 2011 ReneSola
Auf der Hannover Messe sind sie in dieser Woche groß gefeiert worden, die Gäste aus China. In vielen Industriebranchen werden sie aber zunehmend zur Bedrohung und setzen den Lehrmeistern aus Deutschland zu. Ein Überblick.

Bei Peter Löscher hört sich alles sehr positiv an. "Der Messerundgang hat eindrucksvoll gezeigt, dass hier zwei Partnerländer auf Augenhöhe präsentieren. China ist schon lange nicht mehr die Werkbank der Welt. Die chinesische Industrie hat längst den Sprung geschafft von made in China zu invented in China", sagte der Siemens -Chef nach seinem Rundgang auf der Hannover Messe mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao.

Was bei Löscher wie eine erfreuliche Enwicklung klingt, wird faktisch aber zu einem immer größeren Problem für die deutsche Industrie. China überholt die deutschen Hersteller in vielen Feldern. Eine Übersicht.

Der Audi, hier in den Straßen von Xian, ist in China ein beliebtes ...   Der Audi, hier in den Straßen von Xian, ist in China ein beliebtes Statussymbol

Noch ist für die deutschen Autobauer die Welt in China in Ordnung. Vor allem wohlhabende chinesische Kunden bevorzugen ausländische Automarken. Diese Fahrzeuge sind den einheimischen in der Regel technisch überlegen, haben ein starkes Markenimage - und erzielen vergleichsweise hohe Preise. Nicht selten lassen Chinesen ihr neues Fahrzeug mit allerlei teuren Extras ausstatten.

Kein Wunder, dass deutsche Autobauer sehr stark auf China setzen. Volkswagen  etwa ist seit Jahrzehnten dort vertreten. Der Wolfsburger Konzern ist - wie seine Tochter Audi - mittlerweile von diesem asiatischen Markt regelrecht abhängig.

Auch für Audis Oberklasse-Konkurrenten BMW  und Mercedes gewann der inzwischen größte Automarkt der Welt in den vergangenen Jahren an Bedeutung. Das Premiumsegment ist in China zwar insgesamt klein, wächst aber rasant.

Kursinformationen und Charts
   [ %
   [ %

Doch im Auto-Paradies lauern Gefahren. Die Regierung in Peking ist - wie bei anderen Industrien auch - sehr stark daran interessiert, die eigene Industrie zu entwickeln. Bis dort produzierte Fahrzeuge international konkurrenzfähig sind, dürfte zwar noch einige Zeit vergehen. Jedoch gibt es untrügliche Anzeichen dafür, dass Peking die heimischen Hersteller fördert.

Nicht nur müssen ausländische Hersteller mit chinesischen kooperieren, wollen sie in China Autos bauen. Volkswagen etwa produziert mit den Partnern FAW und SAIC. Im Februar schreckte zudem eine Kaufliste des Industrieministeriums die Branche auf: Demnach sollen Chinas Beamte künftig keine ausländischen Marken mehr fahren, sondern einheimische Karossen.

Zudem gelingt einzelnen chinesischen Herstellern, wie beispielsweise Great Wall, der Sprung ins Ausland. In diesem Fall ist das Unternehmen in Australien erfolgreich. Und der Kauf der seinerzeit heruntergewirtschafteten schwedischen Marke Volvo durch Geely  gilt als eine Erfolgsstory sondergleichen. Die Chinesen lernen also Schritt für Schritt, wie man hochwertige Autos baut und diese auch international vermarktet. Die Erfolgsgeschichte der deutschen Autobauer dürfte also in China noch eine Zeitlang weitergehen - aber vermutlich nicht ewig.

Arbeiter des chinesische LDK-Konzerns kontrollieren Solarzellenplatten   Arbeiter des chinesische LDK-Konzerns kontrollieren Solarzellenplatten

Weltweit ist der Markt für Solarenergieanlagen hart umkämpft. Gleich massenhaft stiegen Hersteller aus China in den vergangenen Jahren in die Branche ein. Die Regierung in Peking setzte massiv auf die Förderung der Solarbranche. Für die industrielle Entwicklung des Landes ist es sehr wichtig, möglichst viel Strom zu produzieren - und das so billig, wie es nur geht.

Für die deutsche Branche, die mit ihrem Know-how den Chinesen einst auf die Beine half, hatte der Boom in Fernost fatale Folgen. Waren die Deutschen einst Spitzenreiter, gehört inzwischen nur noch Solarworld  aus Bonn zu den zehn größten Modulbauern. Und das Ärgerliche aus deutscher Sicht: In hiesigen Solarparks wird in großem Stil chinesische Technik verbaut.

Offizielle Zahlen, wie hoch der Marktanteil der chinesischen Hersteller in der Bundesrepublik ist, gibt es nicht. Schließlich steckt in sehr vielen Solaranlagen deutsche und chinesische Technik - gängig sind etwa deutsche Module, in denen chinesische Zellen zusammengeschaltet werden. Branchenkenner schätzen, dass inzwischen auf mehr als der Hälfte aller Module auf deutschen Dächern eine chinesische Marke steht. Die deutschen Fördermilliarden, die von der schwarz-gelben Bundesregierung gekürzt werden sollen, fließen also größtenteils nach China.

Trotz üppiger staatlicher Förderung leiden aber auch die chinesischen Hersteller - an Überkapazitäten. Chinesen, Südkoreaner, Japaner und Malaysier haben in den vergangenen Jahren riesige neue Fabriken gebaut, die sie jetzt auslasten müssen. Sie senken die Preise so lange, bis sie Käufer für ihre Produkte finden. Geld verdienen lässt sich auf diese Weise kaum.

Ebenfalls bitter für deutsche Unternehmen: Einige Hersteller aus Fernost nutzten die Schwäche der deutschen Konkurrenz für ihre Expansion. So will etwa LDK den Konstanzer Hersteller Sunways  kaufen.

Technische Weiterentwicklungen könnten deutschen Solarherstellern indes bald eine zweite Chance geben. Die Photovoltaik, die sich über viele Jahre nur in kleinen Schritten weitentwickelt hat, könnte nach Einschätzung von Manfred Bayerlein, dem Chef des TÜV Rheinland, in wenigen Jahren einen größeren Entwicklungssprung schaffen. "Im Labormaßstab gibt es heute Zellen, deren Wirkungsgrade doppelt so hoch liegen wie bisher, etwa durch Ausnutzung des gesamten Frequenzspektrum des Lichts." Bisher wandeln Solarzellen weniger als 20 Prozent des einfallenden Lichts in Strom um.

Die Strukturkrise werde zudem bald die chinesische Konkurrenz erreichen, erwartet auch der TÜV-Chef: "Die Industrie durchläuft nicht nur in Deutschland ein Tal der Tränen, sondern auch in China", sagte er. Auch in China werde die Zahl der Anbieter deutlich sinken.

Der Windradhersteller  Suzlon verspricht sich große Nachfrage  aus ...   Der Windradhersteller Suzlon verspricht sich große Nachfrage aus China

Die chinesische Konkurrenz für die deutschen Hersteller von Windturbinen wird ähnlich übermächtig wie in der Solarindustrie. Den Anbietern hierzulande droht der Absturz. In der Windenergie ist China mittlerweile der größte Markt der Welt. Allerdings haben heimische Unternehmen oft noch große technologische Probleme. "In China wächst eine Windkraftindustrie heran. In der Technologie liegt sie einige Jahre zurück, aber die Produkte sind jetzt schon wirtschaftlich", sagte TÜV-Chef Manfred Bayerlein der FTD. Der TÜV Rheinland ist einer der größten Prüfer bei Windkraft.

Heute böten Windräder aus China bis zu rund 1,5 Megawatt Leistung, sagte Bayerlein. Das ist zwar nur ein Viertel europäischer Spitzenmaschinen - doch machen chinesische Hersteller dies durch geringe Kosten wett. Ihr Markteintritt hat einen Preisverfall ausgelöst, der Firmen wie Vestas  oder Nordex  in die roten Zahlen gedrückt hat. Seit 2008 sanken die Preise um rund 25 Prozent.

Chinesische Hersteller wie Sinovel und Goldwind sowie Dutzende Kleinanbieter haben sich bislang auf ihren Heimatmarkt konzentriert. Für ausländische Hersteller ist er weitgehend verschlossen, Repower hat sich bereits zurückgezogen. Nordex sucht einen lokalen Partner, denn der Markt ist mit neuen Windrädern mit einer Gesamtleistung von 17,6 Gigawatt zugleich der bei Weitem größte. Vor fünf Jahren war unter den zehn größten Windturbinenherstellern kein chinesischer, heute sind es laut dem Marktforscher BTM vier.

China ist seit 2009 der wichtigste Absatzmarkt für deutsche Maschinen   China ist seit 2009 der wichtigste Absatzmarkt für deutsche Maschinen

Seit 2009 ist China laut dem Branchenverband VDMA der weltweit wichtigste Absatzmarkt für Maschinen aus Deutschland. Der VDMA erwartet, dass dies noch längere Zeit so bleibt. 2011 lieferte die deutsche Investitionsgüterindustrie einer Studie zufolge Maschinen und Anlagen im Wert von rund 19 Mrd. Euro nach China - ein Plus von 23 Prozent.

Doch die Chinesen kommen: Im Gegenzug lieferten chinesische Unternehmen im vergangenen Jahr Maschinen im Wert von 3,5 Mrd. Euro nach Deutschland, was ebenfalls einem Anstieg von 23 Prozent entsprach. Damit liegt China in der Rangfolge der wichtigsten Lieferländer für Deutschland auf Platz 6. China ist inzwischen mit Abstand der größte Maschinenproduzent der Welt.

Der VDMA ist besorgt: Die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer müssten damit rechnen, dass sich chinesische Wettbewerber auch auf Märkte vorwagen, die durch "High-End"-Anforderungen geprägt seien. Die größte Konkurrenz innerhalb des Maschinenbaus herrschte zwischen Deutschland und China bisher vor allem im unteren Preissegment. Doch jetzt stoßen die Chinesen zunehmend in Märkte vor, die durch Qualität "Made in Germany" dominiert werden.

Einige deutsche Maschinenbauunternehmen haben lange den Fehler gemacht, Hightech-Produkte anzubieten, die für China übertechnisiert waren. Heidelberger Druckmaschinen  etwa bietet mittlerweile deutlich abgespeckte Versionen seiner Produkte an, so genannte Good-Enough-Produkte.

Aus Sicht vieler Maschinenbauer ist die wirksamste Strategie im Wettbewerb mit China, das Innovationstempo so stark zu steigern, dass die deutschen Produkte immer einen Schritt voraus sind. Vor allem Mittelständlern wie Harting, Festo, Phoenix Contact oder EBM-Papst sind mit dieser Strategie in China bisher sehr erfreulich.

Mitarbeiter von ThyssenKrupp in Duisburg.   Mitarbeiter von ThyssenKrupp in Duisburg.

Die Stahlhütten in China laufen auf Hochtouren und produzieren soviel, dass es der Inlandsmarkt gar nicht alles aufnehmen kann. Schließlich wächst die Volkswirtschaft nicht mehr so stark wie in den Vorjahren. Die Überkapazitäten werden für die Europäer langsam zum Problem. Der Branchenverband Wirtschaftsvereinigung Stahl erwartet 2012 überschüssigen Stahl im Volumen von knapp 200 Millionen Tonnen. Die Befürchtung: "Volatile und hohe Stahlexporte bleiben ein Risiko für die Stahlmärkte in der EU." Sprich: den hiesigen Stahlanbieter wie ThyssenKrupp  drohen sinkende Preise durch die Stahlschwemme aus Fernost.

Bislang erwartet der Verband aber in Deutschland eine Produktion auf Vorjahresniveau. Das Jahr startete zwar schwächer, aber die zweite Hälfte wird laut Wirtschaftserholung besser als 2011. Der Verband baut vor allem auf stabile Rohstoffpreise - wenn ihm nicht die hohe Nachfrage aus China und anderen Schwellenländern einen Strich durch die Rechnung macht.

  • FTD.de, 28.04.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Automarkt Info
  •  
  • blättern
Automarkt - Videos zum Thema Auto
  • Knutschkugel maximal. Das Design stammt vom Panda, der Name vom 500er und die Größe vom Punto. Die kleine Knutschkugel aus Italien ist zum Familienvan mutiert.. . mehr

  •  
  • blättern
 

Was wissen Sie über Oldtimer?

Von Horch bis Borgward, von Wartburg bis NSU - Oldies but Goldies. Starten Sie den Wissenstest über berühmte, untergegangene Marken. Bitte Anschnallen zur ersten Frage bei FTD.de ...

Wie hieß der große Renner des Bremer Autobauers Borgward?

Alle Tests

© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler