Lange haben die Reeder Stephan Wrages Zugdrachen als Ökospinnerei abgetan. Jetzt umgeht er die Branche einfach - und setzt sie über ihre eigenen Kunden unter Druck.
von Kathrin Werner
Er könnte mal wieder die Geschichte erzählen. Von dem kleinen Jungen, der auf Omas alter Singer-Nähmaschine einen Drachen näht. Der ihn am Hamburger Elbstrand in den Himmel steigen lässt, zum ersten Mal die Kraft des Windes spürt. Der jahrelang an seiner Geschäftsidee tüftelt. Stephan Wrage mag seine Geschichte. Aber langsam ist es Zeit für eine neue: Die Geschichte vom Durchbruch, nicht mehr von der Gründung seines Unternehmens Skysails.
Stephan Wrage, Gründer und Geschäftsführer von Skysails
Skysails baut Zugdrachen für Schiffe. Mit ihrem Zusatzantrieb sinkt der Spritverbrauch um bis zu 35 Prozent. Die Investitionen von 750.000 bis 1 Mio. Euro rechnen sich nach spätestens fünf Jahren. Eigentlich müssten Reeder ihm sein Segel aus den Händen reißen. Eigentlich. "Die Krise hat uns ganz schön zugesetzt", sagt Wrage. Wer zuletzt überhaupt noch neue Schiffe bestellt hat, kaufte sie so billig wie möglich - also ohne Segel. Erst ein knappes Dutzend ist inzwischen verkauft.
Green Minds: Die Firma Skysails: Riesensegel für Supertanker (00:02:31)
Grund dafür auch: Die Schifffahrt ist konservativ. "Kann doch gar nicht funktionieren", sagen die Reeder. Und: "Ökospinnerei". Keiner will der Erste sein, der die Technik ausprobiert. Erster Kunde wird 2007 die Bremer Reederei Beluga, die kürzlich in die Insolvenz rutschte. Ihr Chef Niels Stolberg - als Querdenker bekannt - ist mit einem kleinen Anteil an Skysails beteiligt. Zwei weitere Schiffe wollte er mit dem Segel ausrüsten. "Ganz schön traurig" sei die Pleite, sagt Wrage. "Aber wir können das ersetzen."
Schaffen will er das mit einem Trick: Statt die Reeder mit Argumenten zu überzeugen, umgeht er sie einfach - und redet mit ihren Kunden. Die Unternehmen, die ihre Produkte über die Weltmeere schippern lassen, achten mehr und mehr auf ihren "Carbon-Footprint" - und der wird über die gesamte Wertschöpfungskette gemessen, auch über die Transportwege. Darum entscheiden sie sich für den Reeder mit den geringsten Emissionen. Er führe gerade Gespräche unter anderem mit Stahl- und Rohstoffkonzernen, erzählt Wrage. "Die kommen selbst auf uns zu." Die letzte Bestellung bei Skysails kam von Cargill - einem Agrarkonzern aus den USA.
Green Minds: Skysails-Gründer Stephan Wrage im Video (00:02:01)
Die Kunden haben etwas entdeckt: Zwar ist die Schifffahrt gemessen an ihrer Transportleistung der mit Abstand umweltfreundlichste Verkehrsträger: Mehr als 90 Prozent der Güter werden mit Frachtern um die Welt transportiert, trotzdem stoßen sie nur 2,7 Prozent der globalen CO2-Emissionen aus. Doch das Einsparpotenzial ist gigantisch. Laut einer Studie der Internationalen Schifffahrtsorganisation Imo, einem Ableger der Uno, könnte der breite Einsatz von Wrages Segeln jährlich bis zu 100 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Das entspricht elf Prozent der gesamten Emissionen Deutschlands.
Und es geht nicht nur um CO2: Das für Schiffe verwendete Schweröl ist eine Art Abfallprodukt der Raffinerien. Es ist vergleichsweise billig, doch die Verbrennung setzt giftigen Schwefel, Stickoxide und Rußpartikel frei. Für diese Schadstoffe hat die Imo scharfe neue Regeln festgelegt. Ein Beispiel: Zurzeit dürfen Schiffsabgase 4,5 Prozent Schwefel enthalten - 2700-mal so viel wie an Land. 2012 sinkt die Obergrenze auf 3,5 Prozent, 2020 auf 0,5 Prozent.
Irgendwann setzt sich deshalb auch bei den Reedern die Erkenntnis durch, dass sie sparen müssen, hofft Wrage: "Je stärker die Treibstoffpreise steigen, desto schneller." Die Ölpreisentwicklung ist auf seiner Seite: Die Klassifikationsgesellschaft Germanischer Lloyd erwartet, dass sich die Spritkosten für Schiffe innerhalb der nächsten zehn Jahre auf rund 1000 Dollar pro Tonne verdoppeln. Die Reeder fangen an, sich darüber richtig Sorgen zu machen. "Wir müssen uns Gedanken machen über alternative Antriebe", sagt etwa Ottmar Gast, Chef der zweitgrößten deutschen Containerreederei Hamburg Süd. "Ob Skysails am Ende dazu gehört, weiß ich aber nicht."
Mehr als Gedankenspiele sind es aber meist noch nicht. Das steigende Interesse spürt Wrage aber bereits. "Seit Januar läuft es wieder richtig gut. Es gibt eine Menge Gespräche", sagt er. "Die Reedereien sind aus der Talsohle heraus und investieren wieder." Wrage hat angefangen, besonders renitente Reeder zu einer Rundfahrt auf Skysails-Schiffen einzuladen. "Dann können sie sehen, dass die Technik funktioniert." Eigentlich wollte er mit seinen 80 Mitarbeitern schon im vergangenen Jahr schwarze Zahlen schreiben. Das hat er wegen der Schifffahrtskrise jetzt auf Ende 2013 verschoben. Doch dass sie kommt, die Geschichte vom Durchbruch, da ist er sich sicher. "Die Reeder werden es ihren Kunden einfach nicht viel länger erklären können, warum sie dieses Einsparpotential verschwenden."
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