Trotz eines Milliardengewinns war die Stimmung im Berliner Gasturbinenwerk von Siemens gedrückt. Der Konzern hatte zur Bilanzvorlage in die Vorzeigefabrik geladen, um zu demonstrieren, wie theoretische Effizienzfortschritte praktisch umgesetzt werden können. In Berlin ist schon gelungen, was sich andere Bereiche vornehmen müssen: Siemens' Gasturbinen zählen nicht nur zu den effizientesten der Welt, sondern werden hier auch viel schneller gefertigt als früher.
Weltklasse also - doch für viele andere Teile des Konzerns gilt dies nicht, wie Vorstandschef Peter Löscher einräumen musste. Siemens sei hinter den eigenen Ansprüchen zurückgeblieben. "Mittelfeld ist für Siemens nicht gut genug." Im abgelaufenen Geschäftsjahr erreichte Siemens zwar die im April gesenkte Prognose eines Nettogewinns aus fortgeführtem Geschäft von 5,2 Mrd. Euro. Allerdings sind da einige Einmaleffekte herausgerechnet. Unter dem Strich brach der Nettogewinn von Siemens um 27 Prozent auf 4,6 Mrd. Euro ein, obwohl der Umsatz währungsbereinigt um drei Prozent auf 78,3 Mrd. Euro stieg. Siemens habe den Anschluss an die Konkurrenz verloren: "Wir müssen unsere Ärmel hochkrempeln", sagte Löscher. An die Aktionäre will der Konzern trotzdem eine Dividende auf Vorjahresniveau von 3 Euro je Anteilschein zahlen.
Unerwartet erwischte Siemens vor wenigen Wochen die Nachricht, dass die EU die Sanktionen gegen den Iran verschärft. Siemens nimmt zwar keine Bestellungen aus dem Iran mehr an, hat dort aber noch lang laufende Verträge zu erfüllen. Vorsichtshalber hat der Konzern den Umsatz des vergangenen Jahres von 350 Mio. Euro komplett wieder ausgebucht. Dies bedeutet einen Verlust in derselben Höhe. Das Thema dürfte den Konzern noch länger begleiten: Siemens hat noch einen Auftragsbestand mit dem Iran von 700 Mio. Euro, vor allem Ausrüstungen für Öl- und Gasförderfirmen.
Das Iran-Problem fällt wohl eher unter die Rubrik "höhere Gewalt". Für viele andere Verlustfälle gilt dies indes nicht. Insgesamt 1,2 Mrd. Euro an Sonderlasten hat Siemens im vergangenen Geschäftsjahr gebucht. Analysten kritisieren, dass einzelne Projekte immer wieder überraschend drastische Verluste einfahren. Löscher wollte dies längst ausgemerzt haben. Mit dem Effizienzprogramm nimmt er nun einen neuen Anlauf. Die vier Sektoren des Konzerns im Überblick:
Der größte Sektor Energie schaffte im Geschäftsjahr einen Umsatzsprung um zwölf Prozent auf 27,5 Mrd. Euro durch einen Schub bei den Auslieferungen von Windanlagen auf hoher See sowie fossilen Kraftwerken. Die Bestellungen brachen allerdings um 14 Prozent auf 26,7 Mrd. Euro ein. Der Gewinn der einst so ertragsstarken Sparte halbierte sich auf 2,2 Mrd. Euro - wegen Sonderlasten. Verzögerungen bei der Anbindung von Windparks in der Nordsee an das Stromnetz kosteten Siemens 600 Mio. Euro. Kein Ende in Sicht scheint auch bei den Verzögerungen und ständigen Mehrkosten beim finnischen Kernkraftwerk Olkiluoto, das Siemens zusammen mit der französischen Areva errichtet: 2011/12 schlugen diese mit weiteren 200 Mio. Euro zu Buche. Der kürzlich angekündigte Ausstieg aus der Solarthermie kostete Siemens im vierten Quartal 250 Mio. Euro netto.
Bei Siemens' konjunkturanfälligstem Sektor schlug die zunehmende Schwäche der Wirtschaft vor allem in Europa bisher kaum durch: Antriebstechnik und Maschinensteuerungen erzielten einen Umsatzzuwachs von fünf Prozent auf 20,5 Mrd. Euro und stabile Bestellungen von 20 Mrd. Euro. Gestiegene Kosten drückten aber auf den Gewinn: Dieser schrumpfte um zehn Prozent auf 2,5 Mrd. Euro.
Diesen neuen Sektor gründete Siemens vor einem Jahr, um die Geschäfte mit den großen Städten überall auf der Welt anzukurbeln. Allerdings überwiegt der Restrukturierungsbedarf: Der Sektor mit seinen Sparten Züge, Gebäudetechnik und Stromverteilung ist mit 6,3 Prozent Gewinnmarge der ertragschwächste aller vier Sektoren. Der Umsatz stieg um vier Prozent auf 17,6 Mrd. Euro. Der Auftragseingang schrumpfte aber um ein Fünftel auf 17,2 Mrd. Euro, weil das Zuggeschäft weniger Großaufträge erhielt.
Ein Jahr nach dem Start eines Umbauprogramms ist der kleinste Sektor zurück auf der Erfolgsspur: Mit 13,3 Prozent lieferte er die höchste Gewinnmarge ab. Trotz der Sparbemühungen im Gesundheitswesen in vielen Teilen der Welt stieg der Umsatz bemerkenswert um neun Prozent auf 13,6 Mrd. Euro. Die Aufträge legten um fünf Prozent zu.