Es ist eine besonders ausführliche Anklageschrift, die der Staatsanwalt da verliest. Fast anderthalb Stunden trägt er vor, wie Ex-MAN-Managerin Sabine Drzisga 2005 an einer Bestechung in Norwegen mitgewirkt haben soll und welche Korruptionsfälle durch bessere Aufsicht hätten verhindert werden können. Drzisga wirkt gefasst, hört aufmerksam zu. Als die schmale 48-Jährige im dunkelblauen Hosenanzug dann aber selber das Wort ergreift, ist ihre Stimme brüchig. Die Vorwürfe weise sie "entschieden zurück". Nie sei Korruption für sie ein Kavaliersdelikt gewesen. "Ich habe diesbezüglich hohe moralische Ansprüche an mich selbst und mein Umfeld", sagt sie - und nun versagt ihre Stimme fast. "Umso schlimmer ist es für mich, jetzt selbst hier in einem Korruptionsfall auf der Anklagebank zu sitzen."
So, wie die einst ranghöchste Managerin des Münchner MAN-Konzerns den Vorfall im Zusammenhang mit einem Bus-Großauftrag in Norwegen beschreibt, klingt er ganz anders als der Vortrag des Staatsanwalts. Ja, sie habe im November 2005 eine Barzahlung an den technischen Leiter des norwegischen Kunden Sporveisbussene freigegeben. "Dies war ein Fehler von mir, den ich bitter bereue." Sie habe jedoch nicht gewusst, dass es sich bei dieser Provisionszahlung um Bestechung gehandelt habe. Keiner ihrer damaligen Vertriebskollegen habe ihr je einen diesbezüglichen Hinweis gegeben. "Von Korruption war nie die Rede, und Korruption stand auch nie unausgesprochen im Raum." Und resümiert: "Ich habe offenbar den falschen Leuten vertraut und war nicht aufmerksam genug."
In dem konkreten Fall ging es darum, dass ein Sporveisbussene-Manager mit den MAN-Vertriebsleuten gut 401.000 Euro Schmiergeld dafür vertraglich vereinbart hatte, dass er MAN einen Auftrag über 39 Busse für 9,2 Mio. Euro zuschanzte. Das Geld holte der Norweger wenige Monate später persönlich an der Kasse der MAN-Tochter Neoman in Salzgitter ab. Da Barzahlungen unüblich waren, musste Drzisga diese Geldausgabe per Unterschrift genehmigen. Sie war damals gerade kaufmännische Geschäftsführerin der dauerdefizitären Neoman- und Neoplan-Busse geworden. Eine aufreibende Sanierungsaufgabe, mit der sie sich später für den Aufstieg in den Vorstand des MAN-Teilkonzerns MAN Nutzfahrzeuge empfahl. Als die Staatsanwälte 2009 nach einer Razzia bei MAN Ermittlungen auch gegen sie aufnahmen, musste Drzisga gehen, nach 18 Jahren bei MAN. Erst seit Februar 2012 hat sie wieder einen festen Job, aber viele Nummern kleiner als der alte: Sie ist Geschäftsführerin beim Komponentenlieferanten Hörmann Automotive Penzberg. Mit 10.000 Euro brutto Monatsverdienst.
Immer wieder betont Drzisga, an Korruption habe sie schlicht nicht gedacht. "Ich habe zu keinem Zeitpunkt Kenntnis von Bestechungshandlungen gehabt und diese auch zu keinem Zeitpunkt vorsätzlich unterstützt." Und ärgert sich heute über ihre Naivität und Blauäugigkeit. Sie habe sich über die unüblich hohe Barzahlung aufgeregt, "aber das eigentliche Problem der Bestechung nicht erkannt". Die Barzahlung verursachte großen Aufwand: Das Geld musste von der Bank besorgt werden, und Drzisga ließ den Betrag sogar über die Versicherungsabteilung der Konzernzentrale versichern.
Drzisga hätte sich den Prozess, für den fünf Verhandlungstage angesetzt sind, auch ersparen können: Ende 2010 schlug ihr die Staatsanwaltschaft einen Verfahrensabschluss via Strafbefehl mit einer Bewährungsstrafe von bis zu zwölf Monaten vor. Doch Drzisga lehnte ab - und blieb auch nach einer Besprechung mit Gericht und Staatsanwalt im März 2012 bei ihrer Haltung. Richterin Jutta Zeilinger resümierte: "Die Verteidigung strebt Freispruch an."