Das Zukunftsgeschäft von BASF steckt in einem Plastikbeutel. Mit seiner Hand knautscht Wolfgang Hapke die schwarzen Körnchen in der Tüte und lässt sie rascheln. So klingt BASFs Zukunftsmusik. "Die Bedeutung von Chemie und Kunststoff im Autobau wird in den kommenden Jahren deutlich zunehmen", sagt Hapke. Er leitet bei BASF den wichtigen Unternehmensbereich Performance Polymers, zu denen Kunststoffe mit besonderen Eigenschaften gehören. Das Granulat in Hapkes Tüte verarbeitet der Chemiekonzern zu Plastikteilen - auch fürs Auto.
Heute schon ist das Unternehmen aus Ludwigshafen der weltweit größte Automobilzulieferer in der Chemieindustrie. Bis zu 15 Prozent des Gesamtumsatzes entfallen auf Fahrzeuge. Doch die Bedeutung von BASF könnte künftig weiter steigen. Das Unternehmen profitiert stark von einer wichtigen Entwicklung in der Branche. "Treiber ist der Trend, immer mehr Metall durch leichtere Materialien zu ersetzen", sagt Hapke. Dafür kommen leichterer Stahl infrage oder aber Kunststoff oder eine Kombination aus vielen Materialien, sogenannte Verbundstoffe. Das teure Karbon, wie es BMW erstmals in größeren Stückzahlen ab 2013 für E-Autos einsetzen will, gilt noch als Nische.
Aktuelle Autos bestehen bereits zu rund 15 Prozent aus Kunststoff. Mittelfristig rechnet BASF damit, dass der Anteil auf 25 Prozent steigen wird. Zuletzt verkaufte BASF für 2,2 Mrd. Euro Materialien wie Plastik an die Pkw-Hersteller - Tendenz steigend.
Die Hoffnungen des Chemiekonzerns auf eine "Trabisierung" im Autobau werden durch externe Studien gestützt. So geht die Beraterfirma McKinsey davon aus, dass die Automobilhersteller den Anteil von Leichtbauteilen im Fahrzeug bis 2030 von 30 auf 70 Prozent steigern müssen. Nur so lässt sich das zunehmende Fahrzeuggewicht durch schwere Batterien für Elektroautos oder zunehmende Komfort- und Sicherheitsextras kompensieren. Das Fahrzeuggewicht treibt nämlich den Spritverbrauch und damit die CO2-Emissionen. Aber eben dieses Klimagas will die Politik mit scharfen Abgasnormen kontinuierlich senken. Sinkt die Schwere eines Fahrzeugs um 100 Kilo, nimmt der Kraftstoffverbrauch um rund 0,4 Liter ab.
"Wir stellen bei unseren Kunden eine zunehmende Öffnung gegenüber dem Kunststoff fest", so Hapke. "Das liegt auch an der größeren Designfreiheit, die das Material mit sich bringt." BASF verkauft den Kunden nicht nur das Granulat aus Hapkes Plastikbeutel. Gemeinsam mit den Herstellern entwickelt der Chemiekonzern neue Bauteile. Dafür gibt es ein Steuerungskomitee, das sich einmal im Jahr mit den Entwicklungsvorständen der großen Autobauer trifft. Ein Novum, das erst seit ein paar Jahren greift. Früher verhandelten die BASF-Manager ausschließlich mit den Einkäufern der Hersteller, erzählt Hapke. Mittlerweile besitzt BASF einige strategische Partnerschaften mit Autozulieferern, um gemeinsam Fahrzeugteile zu entwickeln. Beispielsweise mit ZF, Bosch oder Behr. "Bei den Verfahren ist Chemiewissen gefragt", sagt Hapke. "Das holen sich die Autobauer gern von außen. Die Entwickler in der Autoindustrie bevorzugen physische Teile - keine Flüssigkeiten oder Granulate", so Hapke.
So hat BASF beispielsweise mit ZF das Gehäuse für den Beifahrer-Airbag im Audi Q7 erfunden. Gemeinsam mit dem Autobauer Daimler entstand gleich ein ganzes Showcar. Für die Studie Smart Forvision setzte der Chemiekonzern erstmals eine serientaugliche Vollkunststofffelge um. Im neuen Opel Astra GTC ist eine Sitzschale aus Kunststoff und Glasfaser eingebaut, sodass die Sitzschale 45 Prozent weniger wiegt.
Die größten Zukunftschancen sieht Hapke jedoch in Asien. Dort liegen nicht nur die größten Wachstumsmärkte der Autobauer, sondern der Kunststoffanteil im Auto fällt dort wegen mangelnder Zusatzausstattung und oft noch fehlender Airbags deutlich geringer aus. "Heute enthält ein Auto etwa 150 bis 200 Kilogramm Kunststoff. Dieser Anteil wird speziell in Asien im zweistelligen Prozentbereich wachsen", glaubt Hapke, der selbst für BASF sechs Jahre in Asien gearbeitet hat. In Euro umgerechnet entspricht das derzeit etwa rund 330 Euro Kunststoff pro Auto, so eine Analyse der Boston Consulting Group.
Um auf dem zukunftsweisenden Gebiet der Karbonfasern mitzumischen, gründete BASF Mitte 2011 ein Team für Leichtbau, das über alle Bereiche hinweg nach neuen Anwendungen sucht. Hapke jedoch dämpft die Erwartungen auf schnelle Erfolg in Großserie: "Heute ist es noch eine Herausforderung, dass bei einer Karosserie aus Faserverbundstoffen die rechte Tür so aussieht wie die linke.