Wer als Vorstandschef in Europa viel Geld verdienen will, geht am besten zu einem Pharma- oder Konsumgüterkonzern. In diesen beiden Branchen streichen die Konzernlenker die höchsten Bezüge ein - jedenfalls wenn es um börsennotierte Großunternehmen geht. Am wenigsten erhalten sie bei Versorgern. Die Schweiz ist das lukrativste Land - aber auch in Großbritannien, Deutschland und Spanien verdienen Vorstandschefs überdurchschnittlich.
Zu diesen Befunden kommt die Unternehmensberatung Hostettler, Kramarsch & Partner (HKP) in einer Auswertung der namhaftesten europäischen Großkonzerne. Die auf Vergütung spezialisierte Beratung analysierte die Managerbezüge im Börsenindex Euro Stoxx 50 , der 50 Schwergewichte aus Industrie und Finanz in der Euro-Zone enthält, und im Stoxx Europe 50, in dem zusätzlich britische und schweizerische Unternehmen geführt sind. So wurden 76 Unternehmen untersucht, da manche in beiden Indizes geführt werden. Berücksichtigt wurde der aktuellste Geschäftsbericht zum Stichtag 30. Mai 2012 - in den meisten Fällen also das Jahr 2011.
Mehr als 8 Mio. Euro verdiente im Schnitt ein Vorstandschef in der Arzneibranche - doppelt so viel wie bei den Versorgern. "Die Pharmaindustrie zählt zu den wenigen Industrien, in denen es tatsächlich einen durchlässigen globalen Markt für Topkräfte gibt", sagt Michael Kramarsch, Managing Partner bei HKP. Seiner Vermutung nach liegt das daran, dass die Konzerne besonders international agieren, mit Forschungs- und Produktionsstandorten auf der ganzen Welt, und Spezialisten mit extremen fachlichen Anforderungen brauchten. Anders die oft hochregulierten Versorger. "Die haben nationale, teilweise sogar regional gebundene Geschäftsmodelle."
Auffällig ist der Rang der Finanzbranche, die einst zu den bestbezahlten Zweigen gehörte und sich jetzt im Mittelfeld wiederfindet. HKP erklärt das mit der starken öffentlichen Kontrolle und der Bankenregulierung aufgrund der Finanzkrise.
In der Liste einzelner Manager sticht das Gehalt des VW -Chefs Martin Winterkorn hervor. Die 16,6 Mio. Euro hatten in Deutschland die Kritik an Vergütungen von Topmanagern befeuert; auch eine Deckelung der Gehälter kam deswegen wieder in die Diskussion. In der Länderauswertung der HKP-Analyse zieht dieser Ausreißer Deutschland nach oben. An der Spitze steht aber die Schweiz: Mit umgerechnet 8 Mio. Euro lagen die durchschnittlichen Chefbezüge dort beinahe doppelt so hoch wie in Frankreich. Weil der Heimatmarkt klein ist, sind die erfolgreichen Schweizer Konzerne oft von vornherein sehr international orientiert, wie Kramarsch erläutert. "Und die Schweiz war immer schon ein starker Führungskräfte-Importeur."
Großbritannien - seit jeher stark an den USA orientiert und damit auch an US-Gehältern - kommt mit 6,7 Mio. Euro an zweiter Stelle. Deutschland folgt dichtauf. Hiesige Vorstandschefs können inzwischen zufrieden sein, meint Kramarsch. "Es hat einen Aufholprozess gegeben, der der Bedeutung und dem Erfolg der Unternehmen gerecht wird."
Mehr noch als für Vorstände ist die Schweiz ein goldenes Pflaster für Chefkontrolleure - sie sitzen anders als in Deutschland im selben Führungsgremium, entsprechen aber etwa dem Aufsichtsratsvorsitzenden. Bei den top drei Novartis , Nestlé und Roche verdienten sie zwischen 4,6 und knapp 10 Mio. Euro - weit über dem sonstigen europäischen Niveau. Zum Vergleich: Deutsche-Bank-Chefkontrolleur Clemens Börsig kam auf knapp 300.000 Euro.