Ein freundlicher Empfang sieht anders aus. Hunderte Hochtief-Beschäftigte schleudern Marcelino Fernández Verdes Buhrufe und Pfiffe entgegen, als der ACS-Manager durchs Foyer zur Aufsichtsratssitzung eilt. Oder besser: eilen will. Denn so ohne Weiteres lassen ihn die Mitarbeiter nicht durch, halten ihm Plakate vors Gesicht, auf denen steht "ACS Nein" oder "Wir lassen uns nicht ausplündern".
Es ist der 4. Oktober 2010 gegen Mittag, der feindliche Übernahmekampf um Hochtief hat in diesen Tagen einen Höhepunkt erreicht. Zwei Jahre später wird Fernández Verdes der neue Herr in diesem Hause. Am heutigen Dienstag will ihn der Aufsichtsrat zum Vorstandschef des größten deutschen Baukonzerns küren. Die demonstrierende Belegschaft von damals wird der Spanier also künftig führen. Und aus dem deutschen Traditionsunternehmen Hochtief soll der 57-Jährige einen internationalen Konzern mit spanischem Management machen.
Wegen der neuen Aufgabe ist er bereits nach Nordrhein-Westfalen umgezogen. Sein künftiger Dienstsitz ist ein Backsteinbau aus dem vorigen Jahrhundert in der Essener Innenstadt. Und dort wird er sich in den kommenden Monaten auch seiner Hauptaufgabe widmen. Beobachter gehen davon aus, dass der neue Hochtief-Chef vor allem eines vorhat: das größte Bauunternehmen der Welt möglichst geräuschlos zu zerlegen.
Internationale Erfahrung hat der spanische Manager allerdings kaum. Aufgewachsen ist er in Oviedo, der Heimat des spanischen Bergbaus in Asturien. Die arme Region im Norden der Iberischen Halbinsel verließ er als junger Mann, um in Barcelona ein Bauingenieursstudium zu absolvieren, damals eine aussichtsreiche Branche. Mit 32 Jahren heuerte er bei ACS als Manager der Bausparte an.
Wer verstehen will, warum Fernández Verdes so weit aufstieg, muss wissen, was über ihn gesagt wird: "Er ist die Nummer eins, intelligent, besonnen und perfektionistisch." Und ob diese Beschreibung nun stimmt oder nicht, ist Nebensache. Wichtiger ist, wer das gesagt hat. Es war ACS-Chef und Real-Madrid-Präsident Florentino Pérez. Dieser rief Verdes schon vor Jahren zu seiner Nummer eins aus. Daraufhin bedachte die Presse den Manager mit einem bemerkenswerten Superlativ. Eine "galaktische Figur" sei er. Man nannte ihn in einem Atemzug mit Fußballstar Cristiano Ronaldo, den Pérez einst für Real Madrid anheuerte.
Doch die Glanzzeiten von ACS sind vorbei, Schulden von 9,2 Mrd. Euro drücken den Konzern - und das wirft nun auch daheim ein anderes Licht auf Perez' Lieblingsmanager. "Er ist ein einfacher Handlanger", sagen Kritiker über das ACS-Vorstandsmitglied. Er mache die Drecksarbeit für Pérez, "el trabajo sucio". Damit habe er sich auf den ersten Platz manövriert.
2003 übernahm ACS den spanischen Konzern Dragados, das damals größte Bauunternehmen des Landes. ACS war seinerzeit lediglich Nummer vier. Ähnlich wie bei Hochtief gelang die Übernahme Schritt für Schritt: Minderheitsanteile wurden gekauft, ACS zog in den Aufsichtsrat. Und es war Fernández Verdes, der ähnlich wie bei den Essenern schließlich auf den Chefsessel rückte und die Integration vorantrieb. Belohnt wurde Verdes später mit dem wichtigsten Posten im Konzern, dem Vorstandssitz der Bau-, Lizenzen- und Umweltsparte.
Nun steht auch bei Hochtief die Integration an. Dabei dürfte es vor allem um einen Schuldenabbau gehen. Um die spanische Mutter von den schlimmsten Lasten zu befreien, könnten die Hochtief-Tochter Leighton in Australien, die US-Aktivitäten oder Airport- und Mautstraßengeschäft zu Geld gemacht werden. Fernández Verdes kommentiert seine Pläne nicht. Aber um seine Belegschaft will er sich bemühen: Er lernt fleißig Deutsch.