Zurückhaltender kann ein erster Auftritt kaum ausfallen. "Nach gerade mal zehn Tagen in der Firma kann ich wirklich noch nicht viel sagen", sagte der neue Esprit -Chef Jose Manuel Martinez Gutierrez am Mittwoch bei der Vorlage des Geschäftsberichts des Textilhändlers in Hongkong. Zuvor hatten sein im Juni überraschend zurück getretener Vorgäger Ronald van der Vis und Finanzvorstand Thomas Tang ausführlich die Zahlen präsentiert. Martinez bat um Verständnis für sein Schweigen, er sei noch dabei sich einzuarbeiten. "Ich bin eigentlich nur hier, um 'Hallo' zu sagen."
Bisher ist kaum etwas bekannt über den Spanier, der als Vertriebsexperte vom Modekonzern Inditex geholt wurde. Doch auf dem 42-Jährigen lastet die Aufgabe, die vor einem Jahr von van der Vis angestoßene Restrukturierung der ins Straucheln gekommenen Modemarke voran zu treiben und an frühere Erfolge anzuknüpfen. Van der Vis hatte Esprit vor einem Jahr zum Sanierungsfall erklärt. Die Marke habe "ihre Seele verloren" und sei altbacken geworden. Helfen soll eine Milliardenschwere Marken- und Qualitätsoffensive, der Rückzug aus einer Reihe von Märkten sowie eine massive Expansion in China.
Nicht nur mit der Sanierung wird Martinez alle Hände voll zu tun haben. Der ehemalige Inditex-Manager und McKinsey-Berater muss zudem Ruhe in den Konzern bringen, der binnen sieben Monaten gleich drei Spitzenmanager verloren hat. Neben van der Vis hatten auch der damalige Finanzvorstand Chew Fook Aun und Aufsichtsratschef Hans-Joachim Körber hingeschmissen. Alle drei führten private Gründe für die Entscheidung an. Gerüchte über einen Machtkampf im Führungsgremium, Streit über den laufenden Umbau und eine vermehrte asiatische Einflussnahme auf den in Europa starken, aber in Hongkong börsennotierten Konzern rissen dennoch nicht ab.
Die Unsicherheit bleibt groß. "Wir bleiben skeptisch, was die Versprechen angeht und die Hoffnungen, die mit dem Transformationsplan verbunden sind", sagte Steven Leung von UOB Kay Hian der Nachichtenagetur Bloomberg. "Wir sind nicht sicher, ob der neue CEO sich dem Plan verpflichtet fühlt und welche Strategie er verfolgen wird." Martinez sagte auf Nachfragen mehrmals, voll hinter der Restrukturierung zu stehen und keine grundsätzlichen Änderungen zu planen.
Auch die Geschäftszahlen konnten Zweifel bei Investoren am Umbau nicht ausräumen. Zwar hat der Konzern, der Textilien von Jeans über Mäntel bis Bettwäsche herstellt, im Ende Juni abgeschlossenen Geschäftsjahr den Reingewinn gegenüber dem miserablen, von Restrukturierungsrückstellungen belasteten Vorjahr auf 873 Mio. Hongkong-Dollar (87 Mio. Euro) mehr als verzehnfacht. Analysten hatten jedoch mit gut 15 Prozent mehr gerechnet. Die Aktie, am Mittwoch das am häufigsten gehandelte Papier des Hongkonger Hang-Seng-Index, verlor 6,9 Prozent.
Der Umsatz schumpfte um elf Prozent auf 30,2 Mrd. Hongkong-Dollar. Verantwortlich für den deutlichen Rückgang sei der Rückzug aus dem Nordamerika-Geschäft, die Schließung von insgesamt 80 unrentablen Shops sowie eine Bereinigung des Großhandelsportfolios mit Franchisenehmern. Van der Vis sagte, dass der Restrukturierungsplan auf vier Jahre angelegt sei und stets klar gewesen sei, dass die ersten beiden Jahren teuer und schmerzhaft würden. Selbst in der erklärten Wachstumsregion Asien schrumpfte der Umsatz um 7,2 Prozent. Immerhin seien die Verkäufe in China im vierten Quartal des Geschäftsjahres ermutigend ausgefallen, sagte Finanzvorstand Thomas Tang.
Helfen soll eine Vielzahl von Initiativen zur Stärkung des Markenimages - ab Oktober nicht länger mit Gisele Bundchen, die ein Kind erwartet, sondern mit dem langjährigen Calvin-Klein-Model Cristy Turlington. Außerdem hat Esprit ein neues Shopkonzept und eine spezielle, auf den chinesischen Markt zugeschnittene Kollektion eingeführt. Vor allem sollen aber kürzere Vorlaufzeiten die Kollektionen modischer machen. Statt bisher mehrere Monate sind im neuen Konzept nur noch acht bis zwölf Wochen Vorlauf nötig. Als "revolutionär" für Esprit, lobte van der Vis diesen Schritt. Hier dürfte Martinez Expertise gefragt sein, ist doch sein Ex-Arbeitgeber Inditex, zu dem Marken wie Zara und Massimo Dutti gehören, bekannt für die regelmäßigen, schnellen Kollektionswechsel.
Zu hoch will er die Erwartungen nicht hängen. "Das Umfeld in Europa ist hart", wiegelte er Hoffnungen auf eine schnelle Wende ab. "Aber es gibt trotzdem eine Reihe Unternehmen, denen es ganz gut geht. Wir müssen nur sicher stellen, dass wir auch dazu gehören."