Der ThyssenKrupp -Aufsichtsrat unter Führung von Gerhard Cromme zieht die Konsequenzen aus den Milliardenverlusten in Amerika und entlässt gleich drei Vorstände auf einmal. Wie der Konzern am Mittwochabend mitteilte, werden neben Kommunikationsvorstand Jürgen Claassen, 54, auch Technologievorstand Olaf Berlien, 50, und Stahlchef Edwin Eichler, 54, per 31. Dezember ausscheiden.
Diese Empfehlung des Personalausschusses unter Crommes Leitung soll das Kontrollgremium am 10. Dezember absegnen. "Mit dieser Empfehlung an den Aufsichtsrat trägt der Personalausschuss der Gesamtverantwortung des Vorstands für die Geschäfte und die Führungskultur des Unternehmens Rechnung", hießt es. Die Vorstände haben bereits eingewilligt.
Dass ein DAX -Konzern die Hälfte seiner Vorstandsmitglieder auf einmal entlässt und damit kollektiv zur Verantwortung zieht, ist nahezu beispiellos. Es zeigt, in welch prekärer Lage sich der Konzern befindet. Die Milliardenverluste beim Bau der Stahlwerke in Amerika und immer neue Skandale um Schmiergeldzahlungen und Kartelle zehren an der Substanz des Traditionskonzerns, hinzu kommen hohe Schadensersatzforderungen. Chefaufseher Cromme schiebt mit dem radikalen Schnitt die alleinige Verantwortung dem Vorstand zu - obwohl er selbst seit mehr als zehn Jahren dem Aufsichtsrat vorsteht. Jede Budgeterhöhung für die Amerika-Projekte hatte er genehmigt.
Nach FTD-Informationen drohen am Dienstag bei der Bilanzvorlage weitere Milliardenabschreibungen für Steel Americas - noch höhere als im vergangenen Geschäftsjahr. Vor einem Jahr hatte ThyssenKrupp den Wert der Stahlwerke in Amerika um 2,1 Mrd. Euro nach unten korrigiert. Ein Sprecher wollte sich dazu nicht äußern.
Als Grund für die Entlassung der Vorstände nennt Cromme eine neue Prüfung bei den Projekten in Amerika. Diese habe ergeben, dass sich "eine Reihe der vom damaligen Vorstand zugrunde gelegten Annahmen und Kennzahlen als deutlich zu optimistisch oder im Nachhinein als falsch" erwiesen hätten. Allerdings hatte der Aufsichtsrat bereits mehrfach untersuchen lassen, ob und inwieweit der Vorstand seine Pflichten verletzt haben könnte. Alle bisherigen Prüfungen hatten den Vorstand entlastet - und ebenso den Aufsichtsrat.
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Der Personalausschuss führt zudem die jüngsten Korruptions- und Kartellfälle an. "Auch in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach der bisherigen Führungskultur im Konzern", hieß es in der Mitteilung. Neben Cromme sitzen im Personalausschuss mehrere Vertraute, etwa der frühere BDI-Chef Jürgen Thumann oder IG-Metall-Hauptkassierer Bertin Eichler. Dem Gremium gehört auch Betriebsratschef Wilhelm Segerath an. Die Beschäftigten wollten ein Ende der Negativschlagzeilen, so der IG-Metall-Mann. Der Vorstandsumbau sei ein Signal für einen Neuanfang. Man habe sich eng mit Konzernchef Heinrich Hiesinger abgestimmt, hieß es.
Schon zuvor hatte sich abgezeichnet, dass Claassen, der seit über 20 Jahren eng mit Cromme zusammenarbeitet, aus dem Vorstand ausscheidet. Der Manager soll Luxusreisen mit und ohne Journalisten unternommen haben, die zum Teil Vergnügungscharakter hatten. Wegen des Verdachts der Untreue hatte die Staatsanwaltschaft Ermittlungen eingeleitet.
Im Vorstand verbleiben nur noch Hiesinger, Finanzchef Guido Kerkhoff und Arbeitsdirektor Ralph Labonte, der aber aus gesundheitlichen Gründen im September 2013 ausscheidet. Insider gehen davon aus, dass es bei ThyssenKrupp bis auf Weiteres keine Vorstände für das operative Geschäft geben wird. Damit würde der 1999 fusionierte Konzern das Krupp'sche Führungsmodell übernehmen.