Zur Wochenmitte konnte man Hartmut Mehdorn beim Menscheln zuschauen. In einer Talkshow des Fernsehsenders RBB gestand der Chef von Air Berlin , dass ihm seine Frau Anzug, Hemd und Schuhe kaufe. "Dass ich ordentlich aussehe, ist die Sache meiner Frau." Dass sich aber die Airline in einem kommoden Zustand befindet, ist wiederum durchaus Mehdorns oberste Aufgabe. Doch genau das will ihm einfach nicht gelingen. Weshalb Aufsichtsratsmitglieder die Frage stellen: Ist Mehdorn noch der richtige Mann an der Spitze?
Die intern - und auch extern geführte - Diskussion darüber, wie lange der Ex-Bahn-Chef die zweitgrößte deutsche Airline führen sollte, kommt ungelegen. In der Ferienzeit wickelt Air Berlin das Hauptgeschäft ab. Und das Desaster um den Großflughafen Berlin, dem wichtigsten Drehkreuz, erfordert die ganze Aufmerksamkeit des angeschlagenen Konzerns - einschließlich der Führungsriege. Doch darauf will der Air-Berlin-Großeigner Etihad Airways wohl keine große Rücksicht mehr nehmen. Gut möglich, heißt es in der Branche, dass Etihad-Chef James Hogan Mehdorn zum Bauernopfer bestimmen könnte. Die staatliche Fluggesellschaft aus dem Golfemirat Abu Dhabi will bei den Deutschen ihren Einfluss erhöhen. Ein möglicher Weg: hart durchgreifen und den Chef auswechseln.
Dass der 70-Jährige vor seiner Ablösung stehe, wie das "Manager Magazin" am Donnerstag meldete, wird zwar von Etihad dementiert: Die Spekulationen seien "unverantwortlich". "Hartmut Mehdorn wird wie geplant seinen Vertrag als CEO von Air Berlin bis zum Ende des Jahres 2013 erfüllen. Daran hat sich nichts geändert", ergänzte Air Berlin. Auffällig jedoch: Von Aufsichtsratschef Hans-Joachim Körber kam keine explizite Rückendeckung für den Vorstandschef.
Die Suche für einen Nachfolge für Mehdorn läuft nach FTD-Informationen trotzdem - und ist forciert worden: Es soll dem Vernehmen nach eine Shortlist mit mehreren externen Kandidaten geben. Diskutiert wird aber auch die Leistung von Mehdorns Kollegen - wie Finanzvorstand Ulf Hüttmeyer, oder Vertriebschef Paul Gregorowitsch, der vor zwei Jahren als potenzieller Air-Berlin-Chef gestartet war.
Mehdorn selbst hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er keine Interimslösung sein wollte. Als der umtriebige Manager vor einem Jahr Air-Berlin-Gründer Joachim Hunold ablöste, wurde er als solcher präsentiert. Schon kurz danach ließ der langjährige Bahnchef allerdings wissen, dass er die Fluglinie bis Ende 2013 leiten wolle.
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"Ich bin eben nicht der Typ, der zu Hause sitzt und den Müll runterbringt", begründete Mehdorn seine Einsatzfreude. Er wolle erst abtreten, wenn Air Berlin schwarze Zahlen schreibe. Dies werde nächstes Jahr der Fall sein, versprach er vergangene Woche bei der Vorlage der Halbjahreszahlen.
Die Bilanz aber ist eher ein Zeichen dafür, dass sich Mehdorn Illusionen hingibt. Die Erfolge, die sein Restrukturierungsprogramm erbracht haben, sind viel zu klein, um die taumelnde Airline wieder auf Kurs zu bringen. Die Verluste sind gestiegen, ebenso die Nettoschulden - Ende Juni auf einen Rekordstand von 812 Mio. Euro. Die Eigenkapitalquote ist im Gegenzug auf vier Prozent heruntergeschnurrt - branchenüblich sind 20 Prozent, Konkurrent Lufthansa kommt sogar auf knapp 27 Prozent. Zudem ist das Darlehen in Höhe von 196 Mio. Euro, das Großaktionär Etihad zum Jahreswechsel bereit gestellt hat, fast aufgezehrt.
Die finanzielle Lage von Air Berlin ist überaus angespannt, mittelfristig benötigt das Unternehmen laut Branchenexperten weitere 300 Mio. bis 400 Mio. Euro, um überleben zu können. Doch woher soll das Geld kommen? Hogan wird es sich kaum erlauben können, das Engagement bei den Deutschen abzuschreiben und aufzugeben. Dies wäre für den expansionsfreudigen Airline-Chef ein erheblicher Gesichtsverlust. Schließlich hatte er sich erst vor einem halben Jahr mit knapp 30 Prozent an Air Berlin beteiligt, um Etihad so den Zugang zum deutschen und europäischen Markt zu verschaffen. Hogan braucht also gute Argumente und eine schlüssige Perspektive, um weitere dreistellige Millionenbeträge beim Etihad-Eigentümer, der Herrscherfamilie von Abu Dhabi, loseisen zu können.
Will er erneut aushelfen - und die Partnerschaft, wie Air Berlin betont, "zu langfristigem Erfolg führen" -, wird er seinen Einfluss bei Air Berlin erhöhen müssen. Aus der Partnerschaft könnte eine Übernahme werden, zumindest operativ. Sicher ist in jedem Fall: Ein Weiter-so wird es nicht mehr geben.