So wie Julian Henco die Geschichte erzählt, gab es für den Armaturenhersteller Hansgrohe eigentlich keine Alternative. "Entweder wir lassen den Markt vorbeiziehen - oder wir machen mit", erinnert sich der Marketingchef für die Schwellenländer an die Entscheidungsphase vor vier Jahren. Das Schwarzwälder Familienunternehmen votierte fürs Mitmachen und betreibt seit 2009 eine eigene Vertriebsgesellschaft in Johannesburg. Mit dem Ergebnis ist man zufrieden. 120 sogenannte Points of Sale hat das Unternehmen in den letzten Jahren am Kap aufgebaut. Nach eigenen Angaben ist Hansgrohe mittlerweile die führende Importmarke in Südafrika.
Das ist aber nur der Anfang. Der Bad- und Sanitärspezialist will das Händlernetz auf das restliche Afrika ausweiten: Ghana, Tansania und Kenia stehen dabei ganz oben auf der Liste, dicht gefolgt von Botswana, Angola und Mozambique. "Wir sind dabei, die Märkte zu analysieren und die richtigen Partner zu suchen", sagt Henco. "Mit Hilfe von Bäderausstellungen und Marketingaktionen tasten wir uns langsam an die Käuferschicht heran." Rund 5 Mio. Euro hat sich Hansgrohe das bereits kosten lassen. Henco hält das für gut investiertes Geld: "Wir sehen ein ungemeines Potenzial in Afrika. Der Kontinent erwacht aus dem Dornröschenschlaf."
Das sieht nicht nur die Geschäftsleitung von Hansgrohe so. Etliche Mittelständler zieht es auf den Kontinent: Baufirmen, Maschinen- und Anlagenbauer, Autozulieferer, Unternehmensberater, Blumenzüchter, Banken. Allein die deutschen Direktinvestitionen haben sich zwischen 1999 und 2009 von 3,7 Mrd. Euro auf fast 7,5 Mrd. Euro mehr als verdoppelt. Die ausländischen Direktinvestitionen haben sich im selben Zeitraum sogar fast verfünffacht - auf 55 Mrd. US-Dollar.
Grund für die Afrika-Euphorie ist das rasante Wachstum der vergangenen Jahre: Zwischen 2001 und 2009 legte Afrikas Wirtschaft durchschnittlich um rund 4,5 Prozent pro Jahr zu und wuchs damit schneller als die Konkurrenz in Fernost. Der Trend setzt sich fort: Für 2011 geht der Internationale Währungsfonds von einem Plus von 5,2 Prozent aus und für 2012 von knapp sechs Prozent. "Afrika ist damit einer der letzten spannenden Wachstumsmärkte", sagt Marcus Felsner, Afrikaexperte bei der Unternehmensberatung Rödl & Partner.
Schon ist die Rede von den "afrikanischen Löwen", die in die Fußstapfen der "asiatischen Tiger" treten. Als Wachstumsmotoren gelten Äthiopien, Mozambique, Tansania, Ghana und Angola. Vor zehn Jahren noch sprach die britische Wochenzeitschrift "The Economist" von dem "verlorenen Kontinent", im Dezember 2011 klang das ganz anders. Der "Economist" jubelte: "Africa rising". Denn während die Wirtschaft wuchs, ging die Inflation von 22 Prozent in den 90er-Jahren auf zuletzt acht Prozent zurück, die Auslandsverschuldung sank um 25 Prozent und die Haushaltsdefizite um rund 65 Prozent.
Ein Großteil des Wachstums ist zwar den hohen Rohstoffpreisen - Afrika ist mit seinen Gold-, Kupfer-, Erz-, Öl- und Koltanvorkommen weltweit der rohstoffreichste Kontinent - des vergangenen Jahrzehnts geschuldet. Aber nicht nur. Viele Staaten erwirtschaften das satte Plus dank eines wachsenden Dienstleistungs- und Produktionssektors. Beispiel Äthiopien: Vor 30 Jahren sorgte das Land wegen der hungernden Bevölkerung für Schlagzeilen. 2011 kann davon nicht mehr die Rede sein. Äthiopiens Wirtschaft legte um 7,5 Prozent zu - ohne einen Tropfen Öl zu exportieren. Andere Länder punkten mit ihrer Größe. Beispiel Nigeria: Mit rund 150 Millionen Einwohnern rangiert das Land auf Rang sieben der bevölkerungsreichsten Staaten der Welt.
Dank der positiven Entwicklung hat sich über die Jahre afrikaweit eine kleine Mittelschicht herausgebildet. Die meisten Afrikaner leben zwar nach wie vor von weniger als 2 Dollar pro Tag. Nach Angaben der Standard Bank, die in ganz Afrika aktiv ist, gibt es aber 60 Millionen Haushalte, denen mehr als 3000 Dollar pro Jahr zur Verfügung stehen. 2015 werden wohl schon 100 Millionen Haushalte diese Einkommensgrenze geknackt haben. Gemessen an westlichen Standards liegt das zwar weit unter der Armutsgrenze. In Afrika indes gelten andere Maßstäbe. Wer so viel verdient, hat genug übrig, um sich auch mal etwas zu leisten - was die meisten tun, denn der Nachholbedarf ist groß.
Kein Wunder, dass nun auch deutsche Firmen auf diese Käuferschicht aufmerksam werden. "Dauerhaft können wir es uns nicht leisten, in Afrika nicht präsent zu sein", sagt Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. Denn auch demographisch betrachtet habe der Kontinent Potenzial: "In Afrika leben jetzt mehr als zehn Prozent der Weltbevölkerung, aber der Anteil am Handelsvolumen beträgt lediglich drei Prozent."
Mit dem Wachstum ging auch eine politische Stabilisierung einher. Über drei Jahrzehnte wurde auf dem Kontinent keine einzige Regierung friedlich und an der Wahlurne abgelöst. Inzwischen gehören Wahlen zum politischen Alltag. Der kleine Staat Benin machte 1991 den Anfang. Viele sind seinem Beispiel gefolgt. Von funktionierenden Demokratien kann zwar noch nicht die Rede sein. Dennoch sind vielversprechende Ansätze zu erkennen - selbst in so problematischen Ländern wie Nigeria. Die Regierungen sind ganz offensichtlich bemüht, die Rahmenbedingungen für Investoren zu verbessern. Das zeigt auch der aktuelle "Doing Business Report" der Weltbank. Demnach haben 36 der 46 afrikanischen Regierungen Maßnahmen in die Wege geleitet, um Geschäfte zu erleichtern. Allerdings rangieren die meisten afrikanischen Staaten weiterhin abgeschlagen auf den Plätzen 100 bis 180.
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Der "Doing Business Report" zeigt: Afrika bleibt trotz aller Fortschritte für Investoren ein Wagnis. Rechts- und Investitionssicherheit gibt es meist lediglich auf dem Papier. Die Korruption ist ein ständiger Begleiter. Gut ausgebildetes Personal ist eine Rarität. "Man muss als deutsches Unternehmen wissen, dass der administrative Aufwand um ein Vielfaches höher ist als in den entwickelten Ländern", sagt Afrikaexperte Felsner. "Man muss in politische Kontakte und in Beratung investieren."
Einzige Ausnahme ist Südafrika, das im "Doing Business Report" nur vier Plätze hinter den Niederlanden und drei Plätze hinter Österreich liegt. "Südafrika nutzen daher viele als Sprungbrett ins südliche Afrika", sagt Thomas Schaal, Unternehmensberater mit Sitz in Kapstadt. "Von hier aus steuern sie dann den Eintritt in die anderen Märkte." So wie Hansgrohe oder der Dachziegelhersteller Monier aus Oberursel, der vom Kap die Märkte in Ghana und Kenia erschließen will.
Beide arbeiten mit lokalen Partnern zusammen und haben damit aus Sicht von Helmut Schrader einiges richtig gemacht: "Man sollte den Schritt ins südliche Afrika nie allein versuchen", empfiehlt der auf Afrika spezialisierte Unternehmensberater und Senior Advisor des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. "Die Mentalität und kulturellen Eigenschaften müssen verstanden werden. Ohne Mittler geht es nicht." Doch selbst mit einem starken Partner an der Seite müsse man sich durchbeißen.