In stürmischen Böen braust der Wind durch die Straßen der Nordseestadt Husum. Passanten kämpfen mit Regenschirmen. Hier oben herrscht selten Flaute - ein Segen für die Windkraftindustrie. Vor der Küste Norddeutschlands boomt deshalb der Bau neuer Offshore-Windparks. Doch der Netzanschluss ist das größte Problem - wie soll der Strom in den Energie verschlingenden Süden transportiert werden? Auch Bundesumweltminister Peter Altmaier räumt ein: "Es geht schneller, eine Fotovoltaikanlage oder ein Windrad zu bauen, als die Leitungen dazu zu verlegen."
Daher entwickeln sich die Schwachwindregionen auf Bergen oder in Waldgebieten im Süden der Republik zum Trendthema auf der diesjährigen Windmesse im schleswig-holsteinischen Husum. Politik und Industrie diskutieren, wie künftig der benötigte Strom im Süden der Republik entstehen kann - auch wenn es hier öfter windstill ist. Für die Hersteller ist der Windkraftmarkt an Land attraktiv: Sie haben seit Jahrzehnten Erfahrung damit. Und diese Onshore-Anlagen sind deutlich günstiger.
Die Bundesregierung will bis zum Jahr 2020 eine Gesamtleistung von 35.000 Megawatt (MW) durch Windenergie aus dem Binnenland erreichen, die Länder sehen den Bedarf sogar bei 40.000 MW - "irgendwo dazwischen werden wir uns auf eine Zahl verständigen müssen", sagt Altmaier. Die Branche wird die Vorgabe des Bundes vermutlich schon 2014 erreichen. Grund dafür ist der technische Fortschritt: Die Turbinen werden in windschwachen Regionen auf höhere Masten gebaut. Durch die Nabenhöhe von 100 Metern und darüber hinaus rechnet sich Windkraft auch in Regionen mit tendenziell schwächerem Wind wie Bayern und Rheinland-Pfalz. Beide Bundesländer gehörten 2011 zu den top fünf im Ausbau der Windkraft mit 258 MW und 165 MW installierter Leistung. Sachsen-Anhalt lag bei der installierten Gesamtleistung Ende 2011 auf Platz drei hinter Niedersachsen und Brandenburg.
Für die Onshore-Standorte spricht auch der Preis. Die Windenergie vom Meer ist zwar ergiebiger, aber im Vergleich teuer. Fast zweimal so tief muss ein Investor in die Tasche greifen, wenn im Meer eine Windanlage verankern will statt an Land. Die Bauarbeiten auf hoher See sind gefährlich und werden häufig wegen schlechten Wetters unterbrochen. Dazu kommen die besonderen Materialien, die resistent gegen Salzwasser sein müssen. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau rechnet bei Onshore-Anlagen mit einem Investitionsvolumen von 950.000 Euro pro MW - für Energie vom Meer beläuft es sich auf 1,5 Mio. Euro. "Wir haben in Deutschland vielleicht seit fünf Jahren Offshore-Erfahrung", sagt Mike Winkel, Chef der Erneuerbare-Energien-Sparte von Eon . Der Onshore-Bau sei deutlich erprobter. Sein Unternehmen produziert vor allem in den USA Windkraftstrom im Binnenland.
Wenn die Entwicklung auf dem deutschen Markt so weitergehe, wie sie derzeit voranschreite, werde es zunehmend schwierig, überhaupt noch geeignete Standorte zu finden. Große Energieerzeuger, mittelständische Projektierer und die Kommunen konkurrieren um die besten Plätze. "Wir haben im Süden Deutschlands riesige Potenziale im Onshore-Bereich", sagt Jürgen Schmid, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik.
"Natürlich kann man im Binnenland ökonomisch attraktiv Windenergie produzieren", sagt Jochen Twele, Energieexperte der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Inzwischen gibt es in Berlin-Pankow den ersten Windpark der Hauptstadt. Seit 2008 produziert die Anlage Strom für rund 1000 Haushalte. Die Anlage hat eine Gesamthöhe von knapp 180 Metern - und ist damit gut 20 Meter höher als durchschnittliche Anlagen. "Wenn Sie mich vor zehn Jahren gefragt hätten, ob Berlin sich für die Windenergie als Standort eignet, hätte ich das für unsinnig gehalten", sagt Twele. Das habe sich geändert: "Die Höhe bringt's."