Sollten Marsmännchen zum Truckrennen antreten, würde ihr Fahrzeug wohl ähnlich aussehen: quietschgrüne Motorhaube, flankiert von vier Riesenrädern, hinter denen knallrote Schraubenfedern blitzen. Die Studie eines Unimog gehört zu den Glanzstücken von Matthias Berner, der mit seinen 80 Mitarbeitern Prototypen für die Autoindustrie herstellt. Der futuristische Lkw steht zur Schönheitspflege in der Werkstatt. "Am Kotflügel ist der Lack beschädigt", sagt Berner. Wochen später wird das ulkige Gefährt mit frischem Make-up wieder auf Werbeveranstaltungen und Messen gezeigt.
Für den 48-jährigen Modellbaumeister sind solche Arbeiten Routine. Die Firma Proceda baut seit Jahren Prototypen, mit denen die Hersteller vor allem eines wollen - auffallen. "Unsere Modelle sind richtungsweisend", sagt Berner. Sie zeigen, was möglich ist. Die Concept Cars sollen das Publikum begeistern und Fachleute beeindrucken. An der Studie eines Fiat Truckster hat Proceda ebenso mitgewirkt wie an der des Smart Speedster oder einem Sportwagenmodell der Edelschmiede Artega.
Kaum zu glauben, dass mitten in der Provinz bei Proceda die Zukunft des Automobils ersonnen wird. Das Unternehmen sitzt in einem Flecken mit Namen Flacht zwischen Stuttgart und dem Schwarzwald. Ein kleines Gewerbegebiet, ein Arbeitsgebäude mit Glasfassade. Gleich dahinter wellige Weiden, schnörkelige Straßen und dunkle Wälder.
In den Werkshallen hingegen steht Hochtechnologie. Berner zeigt auf einen schrankgroßen Glasbehälter. Darin fährt ein Laserstrahl in schnellen Bahnen über eine Fläche aus Harz. Wo er den Werkstoff trifft, härtet der aus. Übrig bleibt die fertige Karosseriefläche. Ein weiteres Juwel im Maschinenpark ist die Bedampfungsanlage, die Scheinwerfer verchromt. "Ich war in Deutschland der Erste, der so was hatte", sagt Berner. Seit 1995 betreibt er die Firma. Sie macht heute 20 Mio. Euro Umsatz.
Die Zeiten, in denen Modellbauer ein Fahrzeug nach Plänen der Designer mit der bloßen Hand formen mussten, sind vorbei. Heute werden Prototypen am Bildschirm entworfen, die Daten später zu Roboterfräsen geschickt, die den Arbeitsgang exakter als jeder Mensch ausführen. Der letzte Schliff muss aber noch immer per Hand erfolgen.
Modellbau ist nichts für Weicheier. Große Marken wie Mercedes, Audi, BMW oder Porsche akzeptieren keinen Verzug. Der Prototyp muss bei Messebeginn in der Halle stehen. "Wenn wir ein Showcar bauen, arbeiten in der heißen Phase 40 Leute daran. Kurz vor Abschluss ist fast die ganze Firma dabei", sagt Berner. Freie Wochenenden sind dann selten.
Es ist ein wachsender Markt. Die Hersteller erweitern ihre Modellpalletten, um neue Kunden zu locken. Prototypen sollen ihre Begeisterung anfachen. Die Konzerne haben selber Modellteams, geben aber viele Aufträge nach außen. "Manche Arbeiten können wir einfach schneller und kostengünstiger", sagt Berner. Der Preis für einen Prototyp kann in die Millionen gehen. Die Zahl der Showcars steigt dennoch ständig, weiß Richard Viereckl vom Berater Management Engineers. "Selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wird bei den Prototypen nicht gespart. Das ist eine Angstzone."
Deshalb darf die Konkurrenz nicht wissen, woran sie arbeiten. Schon heute bekommt ein Kunde von Proceda die Modelle der Wettbewerber nie zu Gesicht. Ein Neubau mit geschlossenen Arbeitsboxen soll die Geheimhaltung perfektionieren. Zusammen mit der Mutter Mbtech, die Proceda voriges Jahr kaufte, hat Berner weitere Pläne. Die Digitaltechnik zum Beispiel müsse man ausbauen, sagt er. Die Zukunft wartet nicht. "Man darf nie stehen bleiben.