Die Rüstungskonzerne EADS und BAE haben ihre Fusionsgespräche abgebrochen. Es sei klar, dass die Interessen der beteiligten Regierungen nicht in Einklang gebracht werden könnten, teilte BAE am Mittwoch in London mit. "Wir sind natürlich enttäuscht, keine Einigung mit unseren verschiedenen Regierungen erreicht zu haben", sagte BAE-Chef Ian King laut einer gemeinsamen Mitteilung der beiden Konzerne. "Es ist natürlich schade, dass wir keinen Erfolg hatten, aber ich bin froh, dass wir es versucht haben", sagte EADS-Chef Thomas Enders.
In einer gemeinsamen Stellungnahme der Unternehmen heißt es: "Es wurde (in den vergangenen Wochen) deutlich, dass die Interessen der jeweiligen staatlichen Anteilseigner nicht ausreichend miteinander oder mit den Zielen von BAE Systems und EADS in Einklang gebracht werden konnten. Ein EADS-Sprecher machte deutlicher, wen das Unternehmen verantwortlich macht: Die Bundesregierung habe ihre Ablehnung des Zusammenschlusses nicht begründet, die Regierungen in London und Paris seien dafür gewesen, sagte er.
Europa konnte sich damit nicht darauf einigen, den weltgrößten Luftfahrt- und Rüstungskonzern zu schaffen. In einem nahezu beispiellosen industriepolitischen Tauziehen zwischen den Regierungen in Berlin, London und Paris um die Megafusion von EADS und BAE Systems zeichnet sich bereits seit Tagen ein Scheitern des Vorhabens ab. Formal mussten die Verwaltungsräte der beiden Konzerne sich vor Ablauf der Entscheidungsfrist am Mittwoch um 17 Uhr Londoner Ortszeit festlegen, ob sie an dem Vorhaben festhalten. Die Wahrscheinlichkeit sei aber sehr gering, hieß es bereits am Dienstag.
Die EADS-Aktie, nach Bekanntgabe der Fusionspläne arg gebeutelt, legte nach der Absage deutlich zu. Zwischenzeitlich stieg sie um vier Prozent auf 27,10 Euro. BAE-Papiere gaben dagegen ein Prozent nach. "Für mich sind das sehr gute Nachrichten, weil das kein gutes Geschäft gewesen wäre", sagte Zafar Khan, Analyst bei der französischen Bank Société Général. "BAE-Aktionäre müssen ihr Management nun fragen, wie sie weitermachen wollen", ergänzte er.
Die Unternehmenschefs von EADS, Enders, und von BAE Systems, King, hatten jeweils bei den Regierungen in Berlin und London für den Zusammenschluss geworben. Zudem regte sich massiver Widerstand bei den Schlüsselaktionären von EADS und BAE Systems, nachdem der Kurs besonders des Luftfahrtkonzerns um rund 15 Prozent einbrach.
London hatte zunächst auch Bedenken gegen den wachsenden Staatseinfluss in einem fusionierten Konzern aus EADS und BAE Systems. Der britische Staat hatte sich bereits vor 30 Jahren aus dem größten europäischen Rüstungskonzern zurückgezogen. Frankreich pochte aber darauf, seinen Staatsanteil an EADS zu behalten, der umgerechnet neun Prozent Kapitalanteil am neuen Konzern bedeutet hätte. London soll zuletzt sogar bereit gewesen sein, auch einen Einstieg des deutschen Staates bei EADS durch einen Aufbau von Daimler-Anteilen zu billigen, sodass Deutschland auch neun Prozent am fusionierten Unternehmen gehalten hätte.
Es gilt als offenes Geheimnis, dass Enders dem Großaktionär Daimler vorwirft, durch seine Flucht aus den EADS-Aktien den deutschen Staat in den Konzern zu drängen, um möglichst noch vor Jahresende Kasse zu machen. Dabei sieht Enders eine wachsende Staatsbeteiligung an EADS als geschäftsschädigend an. Diese Ansicht wurde erst am Montag vom Investmentfonds Invesco gestützt, der sich als größter Aktionär von BAE Systems gegen Staatsanteile in einem Rüstungskonzern aussprach.
Die Bundesreigerung will jedoch ungeachtet des Platzens der Fusion an dem Plan festhalten, die Daimler-Anteile an EADS zu übernehmen: ""Die Bundesregierung wird unter anderem auch die Verhandlungen zur Übernahme von Anteilen von Daimler durch die KfW fortsetzen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Die Bundesregierung hat...volles Vertrauen in die unternehmerische Führung von EADS", betonte Seibert zudem in Richtung Enders'.
Enders sah im Zusammengehen mit dem Rüstungskonzern BAE Systems die Ideallösung, um bereits jetzt dem erst für 2020 in Aussicht gestellten Ziel einer seiner Ansicht nach ausgewogenen Konzernstruktur näher zu kommen. Bislang stammen zwei Drittel der Umsätze von Airbus, künftig sollte es durch den Ausbau des Rüstungsgeschäfts nur die Hälfte sein.
Nun erwarten Branchenkenner, dass BAE Systems zum Übernahmeobjekt von US-Konzernen wird. Das britische Unternehmen mit umgerechnet 25 Mrd. Euro Umsatz könnte auch zerschlagen werden, heißt es. An dem Hightechgeschäft in den USA, das rund die Hälfte zum Umsatz beiträgt, könnten amerikanische Rüstungskonzerne Gefallen finden. Die Zusammenarbeit mit EADS könnte sich dann auf einige Gemeinschaftsprojekte, etwa bei Eurofighter, oder beim Lenkwaffenkonzern MBDA konzentrieren. "Scheitert der Zusammenschluss, verstreicht eine einmalige Chance für Europas Rüstungsindustrie", sagte am Dienstag ein Branchenkenner.
Enders werde vermutlich weiter am Ausbau des Rüstungsgeschäfts festhalten, heißt es aus Kreisen. Ein Scheitern der Lösung mit BAE Systems bedeutet jetzt, dass der Konzern selbst Geld in die Hand nehmen muss. Der Zusammenschluss mit den Briten hatte den Charme, dass er praktisch keinen Cent gekostet hätte, das fusionierte Unternehmen aber an die Weltmarktspitze noch vor Boeing gerückt wäre.
(mit Reuters, dpa)