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Merken   Drucken   25.04.2011, 21:22 Schriftgröße: AAA

Schluss mit Geschenken: AstraZeneca dreht Ärzten den Hahn zu

Seit jeher lädt die Pharmaindustrie Mediziner in exotische Gefilde ein. Die Gratisreisen verbinden allerlei Angenehmes mit plumper Absatzförderung. AstraZeneca macht jetzt Schluss damit - die neue Ehrenhaftigkeit kommt nicht ganz freiwillig. von Ruth Fend  Hamburg
Viel zu lachen haben Ärzte wahrlich nicht mehr. Jedenfalls nicht, wenn man den lauten Klagen über lange Arbeitszeiten, die angeblich ständig sinkende Gehälter, die lange und harte Ausbildung glaubt. Da ist so ein Fachkongress an einem sonnigen Urlaubsort schon etwas Feines, Erholung geradezu - zumal wenn ein anderer dafür zahlt: die Pharmaindustrie. Doch sogar dieses letzte Privilegienparadies ist nun bedroht.
AstraZeneca  ist der erste Arzneimittelhersteller, der den Hahn zudreht. "Ab dem zweiten Halbjahr werden wir Ärzten keine Kongresse mehr finanzieren", sagt Kai Richter, Medizinischer Direktor für AstraZeneca Deutschland. Das heißt: Übernachtungen, Reisekosten und Teilnahmegebühren von gern mal 600 bis 700 Euro müssen die Ärzte künftig selbst zahlen oder sich einen anderen Spender suchen. Das gelte für " jede Art von Veranstaltung, wo medizinische Wissenschaft ausgetauscht wird".
Nicht einmal kleine Geschenke können sie von dem schwedisch-britischen Konzern künftig erwarten. Keine Tassen, keine Kugelschreiber, keine Schreibblöcke. "Der einzige Anreiz, unser Produkt zu verschreiben, soll das Produkt selbst sein", lautet Richters neue Parole.
AstraZeneca ist mit dem Versuch, den Verdacht der Bestechung abzustreifen, nicht allein. Der britische Wettbewerber GlaxoSmithKline  (GSK) inszeniert sich ebenfalls als Vorreiter. "Wir geben schon seit Anfang 2010 keine Geschenke mehr an Ärzte ab", stellt ein Sprecher von GSK Deutschland klar. Außerdem lege man jetzt Zahlungen an Selbsthilfegruppen und Patientenorganisationen offen, ab Ende des Jahres auch solche an medizinische Fachkreise. Und was einen Einladungsstopp für Ärztekongresse betrifft: "Das ist bei uns auch in der Diskussion."
Kursinformationen und Charts
  Astrazeneca 2598 GBp  [-27.5 -1,05%
  GlaxoSmithKline 1409 GBp  [-15 -1,05%
Es dürfte kein Zufall sein, dass zwei Unternehmen mit englischen Wurzeln voranpreschen. Im Sommer tritt das britische Antikorruptionsgesetz in Kraft, das die Regeln gerade für die Privatwirtschaft deutlich verschärft. Demnach können sich Unternehmen schon dadurch strafbar machen, dass sie keine geeigneten Prozesse gegen Korruption etablieren. Glaxo und AstraZeneca pochen zwar darauf, ganz aus eigenem Antrieb zu handeln. Ein Brancheninsider aber nennt die britische Rechtsentwicklung das "katalytische Moment".
In Deutschland könnte es ebenfalls bald ungemütlich werden. Der Bundesgerichtshof soll im Mai klären, ob Ärzte sich wegen Bestechlichkeit strafbar machen können. Wenn ja, könnte das Finanzamt auch Nachforderungen an die Industrie stellen. Denn Bestechungsausgaben dürfen schließlich nicht als Werbungskosten abgesetzt werden. "Das potenzielle Risiko für die Industrie ist enorm", sagt Christian Pelz, Wirtschaftsstrafrechtler bei der Kanzlei Noerr. Die Verwaltungs- und Marketingbudgets von großen Pharmakonzern liegen meist bei mehr als 30 Prozent des Umsatzes.
Am wissenschaftlichen Austausch mit den Medizinern will AstraZeneca allerdings festhalten. "Wir stehen ganz klar zu ärztlichen Fortbildungen", so Richter. Man müsse sie eben anders organisieren, lokaler vielleicht. Und Ärzten, die bei einem wichtigen internationalen Kongresse nicht mehr vor Ort sein können, die Ergebnisse von Produkt- und Therapiestudien anders zukommen lassen.
Üppige Vertriebsbudgets - Weltweite Ausgaben ausgewählter ...   Üppige Vertriebsbudgets - Weltweite Ausgaben ausgewählter Pharmaunternehmen 2009
Nicht alle Mediziner sind scharf darauf, der Unmut über die Anbiederungsversuche der Industrie wächst. Mitglieder des Netzwerks "Mein Essen zahl ich selbst" (Mezis) verweigern den etwa 20.000 Pharmavertretern, die Praxen mit Arzneimittelmustern und Veranstaltungsangeboten fluten, den Zutritt.
Beim Deutschen Ärztetag Anfang Juni steht die Frage auf der Agenda. Es dürfte heiß hergehen: "Viele Ärzte finden, dass sie es durchaus wert sind, auf einen Kongress nach Hawaii eingeladen zu werden", sagt David Klemperer, ehemaliger Präsident des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin.
07:33:51 Kursinformationen und Charts
Name aktuell  absolut  
Astrazeneca 2598 GBp   -1,05%  -27.5
GlaxoSmithKline 1409 GBp   -1,05%  -15
  • Aus der FTD vom 26.04.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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