Die Konsumenten wollen keinen Genplanzen - das wirkt sich auch auf die Produzenten aus: Bei den Konzernen wachsen die Bedenken. von Michelle Röttger, Hamburg
und Klaus Max SmolkaFrankfurt
Die aktuelle Diskussion über mögliche deutsche Genpflanzenverbote macht nach Einschätzung von Experten eine Abwanderung von Unternehmen wahrscheinlicher. "Im momentanen politischen Umfeld, ist zu erwarten, dass die großen Konzerne Forschung tatsächlich ins Ausland verlagern, wenn sie dort auf bessere Akzeptanz stoßen", sagt Siegfried Bialojan, Biotech-Branchenkenner bei der Beratungsfirma Ernst & Young. Der Chemiekonzern BASF dementiert konkrete Verlagerungspläne - berücksichtigt den politischen Gegenwind aber bei neuen Projekten.
Die Nachrichtenagentur Bloomberg meldete unter Berufung auf drei Personen, BASF erwäge, sich aus der Forschung mit gentechnisch veränderten Pflanzen in Deutschland zurückzuziehen. Einen Zeitraum nannte die Agentur nicht. Da der Vorstand in der Vergangenheit schon offensiv mit einem Abzug gedroht hatte, wäre ein solcher Schritt nicht überraschend.
BASF teilte jedoch am Mittwoch mit, die Biotechtochter Plant Science stehe zu ihren Standorten in Deutschland. "Aktuell plant die BASF Plant Science nicht, ihre Pflanzenbiotechnologie-Forschungsaktivitäten aus Deutschland abzuziehen." Doch trage das Unternehmen bei der Auswahl der Forschungsprojekte den "regionalen politischen Gegebenheiten" Rechnung: "Wegen der politisch schwierigen Situation in Europa bezüglich gentechnisch veränderter Pflanzen haben wir uns bereits vor einiger Zeit entschieden, keine ausschließlich auf den europäischen Markt zielenden Projekte mehr zu starten."
Der BASF-Vorstandsvorsitzende Jürgen Hambrecht (l.) und sein designierter Nachfolger Kurt Bock in Ludwigshafen
BASF hatte unter seinem alten Vorstandschef Jürgen Hambrecht öfters mehr oder weniger direkt mit einer Verlagerung gedroht, schlägt unter dem neuen Chef Kurt Bock aber moderatere Töne an. Auf die Frage nach einem Abzug sagte er im April kurz vor seinem Amtsantritt: "Nein, obwohl es ein Leichtes für BASF wäre, sich so des Themas zu entledigen und damit die öffentliche Diskussion in Deutschland zu vermeiden."
Akut wurden die Überlegungen im vorigen Jahr - und zwar im Zusammenhang mit der Genkartoffel Amflora, die viel Stärke produziert. Um deren Genehmigung musste sich der Chemiekonzern - obwohl die Knolle nicht für den Verzehr gedacht ist - 13 Jahre bemühen. Der Ärger hörte nach der Zulassung im März 2010 jedoch nicht auf: Eine Panne mit Saatgut einer noch nicht zugelassenen Knollensorte auf den Amflorafeldern brachte BASF ein zeitweises Anbauverbot ein.
Ein Abzug des weltweit gößten Chemiekonzerns hätte drastische Folgen für den Forschungsstandort Deutschland. "Sollten sich die großen Konzerne hierzulande aus der grünen Biotechnologie zurückziehen, bliebe die öffentlich geförderte Forschung allein und würde letztlich auch auf der Strecke bleiben", sagt Hans-Jörg Jacobsen, Vorsitzender der Gesellschaft für Pflanzenbiotechnologie. Der globale Marktwert von biotechnologisch veränderten Pflanzen lag im vergangenen Jahr nach Branchenschätzungen bei 11,2 Mrd. Dollar.
Deutschland gilt selbst innerhalb der wenig für Gentechnik aufgeschlossen EU als besonders schwieriger Markt. Mit dem bundesweiten Erstarken der Grünen, wird sich die Ausgangslage der Biotech-Konzerne kaum verbessern. Insbesondere die neue rot-grüne Regierung in Rheinland-Pfalz - wo BASFs Pflanzenforschungszentrum steht - geht hier auf Konfrontationskurs: "Gentechnisch veränderte Organismen könnten wie Atomenergie sein. Die Risiken werden verschleiert und große Vorteile geltend gemacht. Aber es ist die Allgemeinheit, die auf den Kosten und Schäden sitzen bleibt", sagte Ulrike Höfken, die Umweltministerin des Landes gegenüber Bloomberg.
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