Sichere Autos: Airbags und Knautschzonen für Fußgänger
Autos werden immer sicherer - zumindest für die Fahrer. Für Fußgänger geht ein Crash oft tödlich aus - viel zu oft, meinen Kritiker. Die meisten Konzerne haben den Schutz der schwächsten Verkehrsteilnehmer verschlafen, lautet ihr harsches Urteil. von Annette Entreß, Hamburg
"Die Autohersteller haben sich in dieser Frage bisher kaum bewegt", sagte Keith Rodgers, Geschäftsführer von Euro NCAP. Das "European New Car Assessment Programme" ist ein europäisches Bewertungsprogramm für Neuwagen und wird von Autofahrerclubs, Verbraucherschützern, der EU-Kommission und fünf europäischen Regierungen getragen. Beim Crashtest, den die Organisation auch im Internet veröffentlicht, wird unter anderem geprüft, wie schwer sich ein Fußgänger beim Aufprall verletzen würde. "In den vergangenen 14 bis 15 Jahren hat sich beim Fußgängerschutz kaum etwas getan", beklagt Rodgers. "Vom Gesetz her sind die Hersteller ja auch nicht verpflichtet."
Schlechte Noten für Audi A4
Lob gab es bei den jüngsten Testrunden nur für drei Modelle: Den neuen Honda Civic, den Daihatsu Sirion und den Mazda Premacy. Sie bekamen drei von vier möglichen Sternen. Die meisten anderen Autos waren Mittelmaß und mussten sich mit zwei Sternen begnügen.
Nur einen Stern und damit eine besonders schlechte Note bekam der neue Audi A4. Hier schrieben die Tester: "Dieses Auto wird jemandem bei einem Aufprall unnötigen Schaden zufügen." Ein Schutz für Fußgänger sei kaum gegeben. Die Insassen des A4 sind dagegen bei einem Crash gut behütet, ergaben die Tests. Diese Diskrepanz zwischen Passanten- und Insassenschutz muss nicht sein, meint Euro NCAP. Es gebe viele Möglichkeiten, um die Verletzungen von Fußgängern zu mindern. Wichtig vor allem: Knautschzonen und Sollbruchstellen.
Honda Civic vorn
Ein gutes Beispiel sei der neue Honda Civic, so Rodgers. Der Wagen setzt nach den Euro-NCAP-Tests Maßstäbe in Sachen Fußgängerschutz, erreichte mit drei von vier möglichen Sternen aber noch immer nicht die volle Punktzahl. Die Honda-Ingenieure haben sich einiges einfallen lassen. Ihre Stategie: Die Karosserie soll möglichst viel Energie absorbieren.
So gibt es eine Pufferzone unter der Motorhaube. Hierdurch wird das Unfallopfer etwas abgefedert und prallt nicht direkt auf den harten Motor. Die Motorhaubenscharniere, die Halterung der Stoßfänger und die Aufhängung der Kotflügel geben unter Druck nach, und die Scheibenwischerarme brechen unter hoher Belastung planmäßig an bestimmten Stellen
Selbstverpflichtung oder Gesetz?
Derzeit wird viel geforscht in Sachen Fußgängerschutz, denn auch die EU-Kommission hat laut nachgedacht, ob sie nicht eine verbindliche Richtlinie einführen sollte. Eine wichtige Forderung: Künftig sollen die Karosserien neu entwickelter Fahrzeuge so gestaltet werden, dass sich Fußgänger bei einem Unfall nicht mehr so stark verletzen.
Wahrscheinlich wird sich die Autoindustrie in einer freiwilligen Selbstverpflichtung auf bestimmte Maßnahmen festlegen. Bei Honda sorgt die politische Diskussion für Kopfschütteln. Das Unternehmen plädiert für ein Gesetz. "Wir sind gegen die Selbstverpflichtung", sagt Pressesprecher Jan Erren. Mit einer Selbstverpflichtung werde meist weniger erreicht als technisch machbar sei.
Airbag für Fußgänger
Möglichkeiten gibt es viele. Die spektakulärste Entwicklung ist wohl der Airbag für außen. Der US-Hersteller Ford etwa will dafür sorgen, dass die Unfälle mit Pickups und Geländewagen künftig glimpflicher ausgehen. Jüngst stellte das Unternehmen einen Ford Explorer vor, bei dem sich drei Luftsäcke so aufblasen, dass sie einen Großteil der Fahrzeugfront abdecken. Dieses System ist aber noch lange nicht serienreif, so Ford. Auch Volvo und Toyota experimentieren mit Prototypen.
Motorhauben heben sich
Andere Unternehmen - wie etwa der deutsche System-Entwickler Edag oder das schwedische Unternehmen Autoliv - wollen den Luftsack unter der Motorhaube platzieren. Bei einem Unfall bläst sich dann der Airbag in Sekundenbruchteilen auf und hebt die Motorhaube leicht an, so dass eine Pufferzone über dem Motor entsteht. Schwere Kopfverletzungen sollen dadurch gemildert werden. Edag geht davon aus, dass die Entwicklung 2004 serienreif ist.
Kinder und Erwachsene
Ingenieure forschen außerdem, inwieweit künftig weichere Materialien wie Kunststoffe am Auto eingesetzt werden können. Dies sei aber ein schwieriges Thema. Denn schließlich solle der Insassenschutz nicht leiden, sagte BMW-Sprecher Friedbert Holz.
Ferner sei es ein Unterschied, ob der Schutz auf Kinder oder Erwachsene zugeschnitten sei, heißt es bei Volkswagen und bei Audi. Dies liege an den unterschiedlichen Körpergrößen. "Alles, was für Kinder gut ist, kann schlecht für Erwachsene sein", sagte ein VW-Sprecher. Volkswagen wolle sich stärker auf den Schutz von Kindern konzentrieren, da diese im Straßenverkehr am stärksten gefährdet seien.
Mehr als 1000 tödliche Unfälle
In Deutschland werden jährlich mehr als 1000 Passanten bei Unfällen getötet, schreibt das Statistische Bundesamt in Wiesbaden. In Europa sind es nach jüngsten Presseberichten rund 7000. Mit den neuen Systemen könnte diese Zahl verringert werden.
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