Mit Chrysler ist Fiat amerikanischer geworden. Das dämmert auch Mitarbeitern in Italien. Konzernchef Marchionne bricht mit teuren Tabus - und kündigt sämtliche Tarifvereinbarungen.
von Tobias BayerMailand
Diese Woche läuft im Werk Termini Imerese der letzte Lancia Ypsilon vom Band. Nach 41 Jahren stellt Fiat die Produktion auf Sizilien ein. Die Fabrik mit ihren 1400 Mitarbeitern rentiert sich nicht mehr für den Autokonzern aus Turin. Die Fabrik soll durch die 2006 gegründete Gesellschaft DR Motor weitergeführt werden, die mit Lizenzen chinesischer Hersteller wie Chery und Gonow arbeitet.
Am Mittwoch findet dazu ein Gipfel zwischen den Unternehmen, den Gewerkschaften und der Politik statt. Es ist die erste schwierige Veranstaltung für Italiens neuen Entwicklungsminister Corrado Passera. Der Ex-Chef der Bank Intesa Sanpaolo soll mit einem Industrieplan das Land aus der Krise führen - und muss jetzt doch erst einmal sicherstellen, dass wegen des Fiat-Rückzugs nicht allzu viele Arbeitsplätze im eh schon schwachen Süden Italiens verloren gehen. "Wir beschäftigen uns mit Termini. Das ist eine wichtige offene Frage", sagt Passera, der sich gegenüber Journalisten dazu nicht im Detail äußern will.
Neuzulassungen von Fiat-Pkw
Seit rund einem Jahr macht Fiat-Vorstandschef Sergio Marchionne Front gegen den aus seiner Sicht verkrusteten Arbeitsmarkt des Landes. Am 29. Dezember 2010 handelte er für das Werk Pomigliano einen neuen Tarifvertrag aus, der für die Beschäftigten mit erheblichen Einbußen verbunden ist. Längere Pausen und weniger Krankengeld sind unter anderem vorgesehen.
Diese Vereinbarung will er auf alle 70.000 Beschäftigten in Italien übertragen. Am 3. Oktober trat Fiat deshalb aus dem Arbeitgeberverband Confindustria aus, um mit den Gewerkschaften direkt verhandeln zu können. Anfang dieser Woche folgte dann der nächste Schlag: Sämtliche Tarifvereinbarungen werden ab Januar 2012 nicht mehr gelten, teilte der Autohersteller den Gewerkschaften mit. Wer den neuen Vertrag nicht unterzeichne, werde künftig nicht mehr als Partner akzeptiert.
Die harte Gangart von Fiat ist für die neue Regierung um Ministerpräsidenten Mario Monti eine delikate Angelegenheit. Einerseits will der Ex-EU-Kommissar selbst den Arbeitsmarkt reformieren. Fiat könnte da ein Vorbild sein. Andererseits wäre ein breiter Jobabbau schlecht für den Standort Italien und für die Beziehungen mit den Sozialpartnern. Schon jetzt ist die Stimmung gereizt.
Mit der Kündigung der Tarifverträge habe Fiat "die Bombe platzen lassen", sagt Fulvio Fammoni, Generalsekretär der Gewerkschaft CGIL. Marchionne sei mit "gestrecktem Bein" hineingegrätscht, echauffiert sich Stefano Fassina, wirtschaftspolitischer Sprecher der Demokraten, der zweitgrößten Partei im Parlament. "Schwerwiegend" sei das, sagt Luigi de Magistris, der Bürgermeister Neapels: "Das Land kann nicht auf die Beine kommen, wenn man den Arbeitern die Würde nimmt." Die Regierung müsse dazu Stellung nehmen.
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