Man verkünde ein Sparprogramm, und schon jubelt die Börse? Das mag in anderen Fällen funktionieren. Doch im Fall Siemens ist die Ankündigung kommender Kostenschnitte vom Donnerstag weitgehend verpufft. Den meisten Analysten ist der neue Sparkurs nur eine Randnotiz wert - obwohl Siemens-Chef Peter Löscher und Finanzvorstand Joe Kaeser dessen Ernsthaftigkeit mehrfach betonten. "Wir tun uns schwer, einen Grund zu finden, warum sich die Aktie kurzfristig besser entwickeln sollte", schreibt JP-Morgan-Analyst Andreas Willi. Nur wenige sehen das Sparprogramm als "positive Überraschung", wie Deutsche-Bank-Analyst Peter Reilly.
Barclays-Analyst Nick Webster schreibt, es sei unwahrscheinlich, dass sich das Sparprogramm vor dem Geschäftsjahr 2014 in der Ergebnisrechnung niederschlage. Er stufte das Papier von "Übergewichten" auf "Gleichgewichten" herab. Seine Überschrift: "Nicht mehr überzeugt". Auch andere Analysten nahmen ihre Einschätzungen herunter, Heraufstufungen wurden indes nicht veröffentlicht. Dabei betrachten die Analysten Siemens einhellig als niedrig bewertet. Der Aktienkurs ist im vergangenen Jahr um ein Viertel auf 66,90 Euro gesunken.
Insgesamt sind die Kommentare zu Europas größtem Industriekonzern so negativ wie seit Jahren nicht. "Der Hauptgrund, derzeit Siemens zu kaufen, scheint, dass das Sentiment niemals schlechter war", so Morgan Stanleys Experte Ben Uglow. Die Ergebnisse würden jedoch untermauern, warum dies so sei. Siemens hatte im dritten Quartal mit einem Bestellrückgang um ein Viertel enttäuscht, die bereits gesenkte Jahresgewinnprognose wird wohl verfehlt. "Die Bewertung scheint unwiderstehlich, das Momentum ist es nicht", so Uglow.
JP-Morgan-Analyst Willi zufolge war Siemens' bereinigte operative Gewinnmarge mit zehn Prozent die niedrigste seit dem ersten Quartal 2007 - und damit die schwächste der Ära Löscher überhaupt. "Where have all the margins gone?", titelte er ("Wo sind all die Margen hin?"). Dabei habe der Konzern erst Anfang 2011 mit 14 Prozent Marge seinen Spitzenwert erreicht. Willi zufolge kommt das Programm "erstens ein bisschen spät". "Zweitens ist es reaktiv und nicht proaktiv wie 2008, als Siemens unter Löscher rechtzeitig vor der Krise die Kosten senkte und dadurch sehr gut den späteren Umsatzrückgang auffangen konnte." Willi zufolge muss Siemens auch Effizienz und Disziplin in der Annahme und Abarbeitung von Aufträgen verbessern.
So mancher Analyst wird zudem das Gefühl nicht los, dass sich der Vorstand erst sehr kurzfristig für den Sparkurs entschieden hat - als nämlich die schlechten Zahlen vorlagen. Ein Indiz dafür ist, dass noch vergangenen Montag etwas ganz anderes kolportiert wurde: ein Sieben-Punkte-Plan mit einer Reihe - bekannter - Wachstumsschwerpunkte, aber ohne Sparprogramm.
Was einige Analysten noch stärker umtreibt: Siemens scheint gegenüber der Konkurrenz an Boden zu verlieren. Im traditionellen Energiegeschäft habe General Electric neun Prozent mehr Aufträge hereingeholt als im Vorquartal, während Siemens' Bestellungen um ein Viertel schrumpften, so Barclays-Mann Webster. Auch Siemens' schwacher Ausblick deute "auf ein Auseinanderlaufen mit den Hauptwettbewerbern hin". Willi schreibt dazu: "Als im vierten Quartal 2008 die letzte Krise begann, hatte Siemens bezüglich des Wachstums noch mehr Momentum als die Konkurrenten. In den vergangenen Quartalen blieb Siemens dagegen beim organischen Wachstum leicht hinter der Konkurrenz zurück."
Die Anleger treibt das selbe Gefühl um: Während die Siemens-Aktie sinkt, ist der Wert des Papiers von General Electric in den vergangenen zwölf Monaten um 13 Prozent gestiegen.