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Merken   Drucken   22.02.2011, 06:00 Schriftgröße: AAA

Spektakuläre Erfindung: Pharma lässt Nobelpreis-Technologie sausen

Die Entdeckung der RNA-Interferenztechnik löste vor wenigen Jahren Milliardeninvestitionen aus. Doch noch immer warten Pharmakonzerne vergeblich auf lukrative Produkte – und wenden sich von der Wunderendeckung ab. von Ruth Fend 
Der größte Pharmakonzern der Welt lässt eine nobelpreisgekrönte Technologie fallen - und kaum einer guckt hin. Kein Wunder. Pfizer  kündigt Anfang des Monats an, seine Forschungsausgaben von über 9 Mrd. Dollar mal eben auf 6,5 Mrd. Dollar zu kürzen. Was ist da schon ein gestrichener Forschungsstandort mit 100 Mitarbeitern? Nun, für einen der größten Medizinhypes der letzten Jahre ist es ein weiterer Hieb in einer ganzen Serie von Rückschlägen. Die nobelpreisgekrönte RNA-Interferenz-Technik (RNAi), so scheint es, fällt dem Sparzwang von Big Pharma zum Opfer.
Medizin-Nobelpreis 2006: Für die RNA-Forscher Andrew Fire und ...   Medizin-Nobelpreis 2006: Für die RNA-Forscher Andrew Fire und Craig Mello (r.)
2006 gewinnen Andrew Fire und Craig Mello den Nobelpreis für ihre Entdeckung, dass der mit DNA verwandte Botenstoff RNA Gene ein- und ausschalten kann. Theoretisch könnten sämtliche mit Krankheiten verbundene Gene mit einem Schnipsel doppelsträngiger RNA ausgeschaltet werden. Die großen Pharmakonzerne sind elektrisiert: Roche  baut in Kulmbach einen Technologiepark und steckt 1 Mrd. Dollar in eine Kooperation mit der RNAi-Firma Alnylam. Novartis  investiert 700 Mio. Dollar in das US-Biotechunternehmen. Merck  kauft für über 1 Mrd. Dollar Sirna; auch Pfizer, GlaxoSmithKline  und AstraZeneca  machen dreistellige Millionendeals.
Doch bisher ist die erhoffte Fülle vermarktbarer Medikamente ausgeblieben, der Enthusiasmus der großen Pharmafirmen verfliegt. Roche verkündet im November 2010, das Zentrum in Kulmbach zu schließen. Novartis lässt das Kooperationskommen mit Alnylam still auslaufen. Nun zieht sich sogar Pfizer zurück.
Kursinformationen und Charts
  Pfizers 22,04 USD  [-0.14 -0,63%
  ROCHE GS 125,7 EUR  [-1.65 -1,30%
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Die Forschergemeinde ist schockiert. "Gerade in den letzten ein, zwei Jahren dachten wir: Jetzt werden endlich die entscheidenden Fortschritte gemacht", sagt Jörn Erselius, Geschäftsführer der Technologie-Transfer-Gesellschaft Max-Planck-Innovation, die auch für Alnylam forscht. Zu lösen gilt es vor allem ein Problem: die Botenstoffe an die Stelle im Körper zu bringen, wo sie wirken sollen.
"Wenn man etwas so Umwälzendes entdeckt, träumen die Leute manchmal von zu großen Dingen", erklärt sich Andrés McAllister, Forschungsvorstand beim Schweizer Pharmaunternehmen Debiopharm, die Wende. Seine Firma hat vorletzte Woche einen Kooperationsvertrag zur gemeinsamen Entwicklung und Vermarktung von Marinas Biotech präklinischem Programm für Blasenkrebs abgeschlossen.
Debiopharm will sich auf ein einzelnes Feld konzentrieren, bei dem sich der Transport der Wirkstoffe erübrigt: die Behandlung von oberflächlichem Blasenkrebs. Ist der Tumor erst operativ entfernt, soll das Präparat direkt in die Blase gegeben werden. "So etwas in der Art machen auch andere, die an RNAi noch dran sind", so McAllister.
Den großen Konzernen sind solche Nischen offenbar nicht genug, um hohe Investitionen zu rechtfertigen. Man konzentriere sich nun "auf die größten Hoffnungsträger und Therapiegebiete mit dem größten medizinischen Bedarf", sagt ein Pfizer-Sprecher. Im Fall des Schweizer Konzerns Roche, der Tausende Stellen streicht, mutmaßt Erselius: "RNAi könnte schon der Strategie der Pharmaunternehmen zum Opfer gefallen sein, sich auf Entwicklungen in späteren Phasen zu konzentrieren."

Teil 2: Wie sich die Geschichte wiederholt

  • Aus der FTD vom 22.02.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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