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Merken   Drucken   24.05.2011, 16:57 Schriftgröße: AAA

Staat am Steuer: Pariser Weckruf für Renault-Chef

Carlos Ghosn ist angeschlagen, seit sich die von ihm angeprangerte Industriespionage bei Renault als Hirngespinst entpuppt hat. Frankreichs Regierung nutzt das aus und erobert bei dem Autobauer Macht zurück. von Lutz Meier  Paris
Frankreichs Regierung versucht, ihren Einfluss beim Autokonzern Renault auszubauen. Laut Branchenquellen hat die Regierung über ihre Verwaltungsratsmitglieder die Ernennung eines neuen Konzernvizes verzögert und pocht auf weitgehende Veränderungen in der Führungsstruktur des Unternehmens. Die Angaben bestätigen Berichte verschiedener französischer Medien, wonach Staatspräsident Nicolas Sarkozy  die Macht von Konzernchef Carlos Ghosn  begrenzen will. Ghosn ist geschwächt, nachdem sich eine von ihm angeprangerte angebliche Industriespionageaffäre im März als Hirngespinst herausgestellt hatte.
Carlos Ghosn   Carlos Ghosn
Offiziell hatte Ghosn auf der Hauptversammlung vor drei Wochen gesagt, der vakante Posten werde "innerhalb von Zeitfristen besetzt, die der Dringlichkeit und den Bedürfnissen des Unternehmens entsprechen". Doch aus der zunächst für die Hauptversammlung in Aussicht gestellten Nominierung wurde nichts - offenbar hat sie der Staat ausgebremst. Jetzt könnte die offizielle Benennung von Ghosns Kandidaten, dem bisherigen Nissan-Manager Carlos Tavares kurz bevorstehen. Alles hänge davon ab, ob die Vertreter des Staates ihre Bedingungen erfüllt sähen, heißt es. Es geht um die Nachfolge von Ghosns Vize Patrick Pélata, der nach der Affäre zurücktrat.
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Die Angelegenheit macht klar, wie die Regierung ihre Macht über das Unternehmen in einer kritischen Phase zurückerobert. Jahrzehntelang war Renault ein Staatskonzern und wurde direkt aus dem Wirtschaftsministerium geführt. Auch nach der schrittweisen Privatisierung, die bis 1996 andauerte, betrachten viele in der französischen Administration und Öffentlichkeit den Konzern als staatsnahes Unternehmen - obwohl die Regierung nur noch 15 Prozent hält. Damit ist der Staat aber größter Einzelaktionär und genießt herausgehobenen Einfluss im Verwaltungsrat. Das gilt umso mehr, als der Schwesterkonzern Nissan, der auf gleichem Niveau beteiligt ist, dort keine Stimmrechte wahrnimmt, weil er selbst von Renault beherrscht wird.
An dem Verhältnis zu Nissan zeigt sich, wie weit der Einfluss der Regierung inzwischen reicht. Ghosn denkt laut Konzernquellen seit Langem über eine Neuordnung der Überkreuzbeteiligung nach. Das hat gute Gründe: Analysten halten Renault für latent unterbewertet, weil ein Großteil der Erträge des Konzerns inzwischen von der japanischen Schwester fließen. Gleichzeitig aber können die Franzosen nicht flexibel auf die Barmittelflüsse der Japaner zugreifen.
In der Diskussion war, dass Renault seine 44-Prozent-Beteiligung an Nissan senkt und Nissan seinen Einfluss bei Renault erhöht. Laut Branchenkreisen haben Regierungsvertreter im Verwaltungsrat die Überlegungen gestoppt, kurz bevor sie konkret wurden. Sie fürchteten, dass der Staat dann an Einfluss verloren hätte. Ghosn ist gleichzeitig Chef von Renault und Nissan. Laut "Le Monde" haben die Regierungsvertreter von dem Konzernchef auch verlangt, dass er künftig mehr Zeit in Paris verbringt.
Ghosn haben die Sensibilitäten derjenigen nie sonderlich gekümmert, die Renault weiter als Staatsfirma sahen. Er, der zunächst nur Nissan geführt hatte, sah sich als Weltmanager. Schon die Finanzkrise war eine Gelegenheit für Sarkozy, Ghosn in die Schranken zu weisen. Als der Renault-Chef sich um Staatshilfe bemühte, übte Sarkozy harsche Kritik daran, dass Ghosn ausländische Standorte gestärkt hatte und verlangte Garantien für einheimische.
Ghosns Kandidat Tavares musste laut "Les Échos" zuletzt in mehreren Ministerien vorsprechen. Die Regierung scheint bereit, ihn zu akzeptieren, wenn gleichzeitig der Posten des Konzernvizes gestärkt wird. Wenn Tavares nominiert wird, wäre er damit automatisch Kandidat für die Ghosn-Nachfolge. Er verantwortete bei Renault das Kompaktautosegment bevor er 2004 zu Nissan wechselte. Im Amerika-Geschäft ist er recht erfolgreich. "Wir planen in den nächsten Jahren eine Produktion von 1,7 Millionen Fahrzeugen pro Jahr verglichen mit 1,1 Millionen derzeit", kündigte er unlängst an.
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  • FTD.de, 24.05.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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