"Das ist eine faule Ausrede. Man hat die Instandhaltung sträflich vernachlässigt", sagte Akos Paulinyi, Spezialist für Eisenhüttentechnik. Ins Gerede gekommen war nach dem so genannten Thomasverfahren hergestellter Stahl. "Es gibt massenhaft Konstruktionen aus Thomasstahl, die über 100 Jahre alt und einwandfrei in Ordnung sind. Man muss sie allerdings vernünftig pflegen", sagte Walter Suttrop, industrienaher Stahlbau-Berater in Düsseldorf.
Zahlreiche Brücken und Bauwerke wie der Eiffelturm oder heute noch voll genutzte Brücken aus dem 19. Jahrhundert bestehen aus der umstrittenen Stahlsorte. Thomasstahl beherrschte die Produktion über Jahrzehnte. In Deutschland ging das erste Werk 1879 in Betrieb. Erst in den 60er Jahren setzten sich bessere Verfahren durch. "Heute kann man Versprödungen ausschließen", sagte ein Sprecher des Stahlkonzerns Salzgitter.
RWE wies den Vorwurf schludriger Wartung erneut zurück. Seit bekannt sei, dass Thomasstahl spröde werden könne, laufe ein Sanierungsprogramm für 550 Mio. Euro. 70 Prozent der 2900 Problemmasten seien bereits ausgetauscht. "Leitungen werden jährlich überprüft, auch per Hubschrauber", sagte ein Sprecher. Paulinyi ließ das nicht gelten. RWE scheue die Personalkosten: "Instandhaltung kann man nicht automatisieren. Man muss von Mast zu Mast gehen, hochklettern und nachschauen. Das geht nicht per Flugaufsicht", sagte der emeritierte Professor. RWE hatte die Wartung 2003 in eine Servicegesellschaft ausgegliedert.
Die Angriffe erhöhen das Risiko für RWE, für Schäden aus dem Stromausfall in bis zu 250.000 Haushalten haften zu müssen. Aktien von RWE gerieten am Montag mit einem Rückgang um zeitweise mehr als ein Prozent unter Druck. "Es gibt Angst vor Schadensersatzansprüchen", sagte Volker Schindler von der Kursmaklerfirma ICF. Eon-Aktien sanken sogar um 1,48 Prozent. Der Konzern hatte zuvor eingeräumt, drei bis fünf Prozent seiner Hochspannungsmasten könnten ebenfalls spröde sein.
Der politische Druck auf die gesamte Branche nimmt zu. Die Bundesregierung unterstrich am Montag, die Stromkonzerne müssten die Sicherheit der Netze gewährleisten. Die nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerin Christa Thoben erwarte von RWE bis Mittwoch Aufklärung über die genaue Zahl und Standorte der gefährdeten Masten, sagte ein Sprecher. Landtagsausschüsse planen Sondersitzungen.
Juristisch verbuchen Geschädigte erste Erfolge. Das Amtsgericht Steinfurt bestellte in einem Verfahren zur Beweissicherung vor der Verschrottung der defekten Masten beim Bochumer Stahlforscher Rolf Kindmann ein Gutachten über die Standsicherheit des Typs. Kindmann schloss Probleme durch die Versprödungen nicht aus. "Man muss in alle Richtungen denken, dazu gehört auch die Frage der Festigkeit des Stahls", sagte er der FTD.