In der Geschichte der Raumfahrt wurde selten ein Raketenstart so spät abgebrochen wie jetzt beim US-Privatunternehmen Space X. Am Samstag früh um 4:55 Uhr Ortszeit sollte die zweistufige Rakete Falcon 9 in Florida abheben. Der Countdown war bereits bis Null heruntergezählt und die neun Triebwerke der ersten Stufe gezündet.
Erst eine halbe Sekunde vor dem Abheben der Rakete reagierten Computerprogramme auf einen durch Sensoren ermittelten Überdruck im Triebwerk 5. Der Start wurde noch vor dem Abheben der Rakete abgebrochen. Zunächst hätten alle neun Triebwerke wie geplant gezündet. Warum im zentralen Triebwerk 5 ein zu hoher Druck entstand, sei noch nicht analysiert. Diese Panne war bei vorherigen Tests nicht aufgetreten.
Angesichts von bereits gezündeten Triebwerken und riesigen Mengen an Treibstoff in den Tanks war der Abbruch ein riskantes Manöver. Voraussichtlich in drei Tagen, am 22. Mai, soll ein neuer Startversuch erfolgen, teilte SpaceX mit.
Die geplante Mission der Falcon 9-Rakete hat historische Dimensionen. Geplant ist, dass eine unbemannte Nutzlastkapsel mit dem Namen Dragon von der Spitze der Falcon 9-Rakete dicht an die Internationale Raumstation ISS heran fliegt. Von dort soll sie dann mit einem Roboterarm eingefangen und an die Station angekoppelt werden. Es wäre der erste Flug zur ISS unter der Regie einer Privatfirma. Nach etwa zwei Wochen soll die Kapsel zur Erde zurückkehren und an Fallschirmen im Pazifik landen.
Klappt das Manöver, hätten die USA nach dem Ende der Space-Shuttle-Ära wieder eine eigene Möglichkeit, selbst Güter zur ISS zu transportieren. Sie wären nicht länger darauf angewiesen, dass die Russen oder Europäer ihre Versorgungsgüter zur ISS transportieren. Deren ISS-Versorgungskapseln Progress und ATV können zudem keine Rücktransporte übernehmen, sondern verglühen in der Atmosphäre.
Der jetzt sprichwörtlich zum letztmöglichen Moment abgebrochene Start der Falcon 9-Rakete war zuvor bereits acht Mal verschoben worden. Zuerst war ein Starttermin im Juni 2011 anvisiert. Die knapp 55 Meter hohe Rakete ist ohnehin erst zwei Mal geflogen, im Jahr 2010. Beide Flüge, so berichten Experten, verliefen nicht reibungslos, was angesichts einer völlig neuen Rakete auch nicht überrascht. Vor dem Hintergrund der häufigen Startverschiebungen und der Unsicherheiten kritisiert der Chef von Europas-Raketenvermarkter Arianespace, Jean-Yves Le Gall, die neue US-Konkurrenz als unzuverlässig. Es zählten keine Ankündigungen, sondern nur erfolgreiche Starts, lautet das Credo des Arianespace-Chefs, der Starts mit den Raketen Ariane 5, Sojous und Vega verkauft.
Zur Besonderheit der Falcon 9 Rakete von SpaceX zählt die hohe Anzahl von neun Triebwerken in der ersten Stufe. Dies soll eine gewisse Sicherheit geben, dass selbst beim Ausfall eines Triebwerks im Flug die Mission klappt. Flüssigkeitstriebwerke lassen sich wieder abschalten - was bei Feststofftriebwerken nicht möglich ist. So verwendet die mächtige Ariane 5-Rakete zwei schubstarke Feststofftriebwerke, die sich nach der Zündung, nicht mehr abschalten lassen.
Hinter dem erst 2002 gegründeten Raumfahrtunternehmen SpaceX steht der Multiunternehmer Elon Musk, der sein Geld mit dem Internet-Bezahldienst PayPal verdient hat. Seine Raumfahrtfirma profitiert besonders von einem Strategiewechsel der NASA. Die US-Raumfahrtbehörde hat unter dem Namen COTS (Commercial Orbital Transportation Services), einen Wettbewerb bei der Entwicklung neuer Raketen und unbemannter oder bemannter Kapseln ausgeschrieben. SpaceX bekommt 1,6 Mrd. Dollar von der Nasa, um die Dragon-Kapsel zu entwickeln und für bis zu zwölf Flügen zur ISS. Insgesamt hat SpaceX derzeit einen Auftragsbestand für 40 Flüge im Gesamtwert von rund vier Mrd. Dollar .