Üblicherweise starten neue Chefs erst einmal eine ausführliche Erkundungstour, wenn sie die Aufsicht über ein verworrenes Konzerngeflecht übernehmen. Stephan Gemkow hatte bei seinem Start als Vorsteher des Mischkonzerns Haniel am 1. August dazu keine Zeit - er hatte ja nicht einmal Zeit, sich einen neuen Dienstwagen auszusuchen.
Also hetzte der 52-Jährige mit der Mercedes-S-Klasse seines Vorgängers zu den Brandherden in dem Großreich, das durch seine zahlreichen Beteiligungen (Metro , Celesio , CWS-Boco) zuletzt immer noch einen konsolidierten Jahresumsatz von gut 27 Mrd. Euro erwirtschaftete.
Einen wichtigen Schwelbrand hat er durch seine Schnelle-Eingreif-Taktik zwar gelöst: Den Familiengesellschaftern trotzte er nach FTD-Informationen die Zustimmung ab, auf eine Dividende für 2012 notfalls zu verzichten - ein wichtiger Erfolg, da nicht wenige der 650 Hanielianer von der Ausschüttung leben.
Allerdings gibt es eine Kehrseite des Erfolgs: Zu dem Blutzoll waren die Gesellschafter nur bereit, weil Gemkow schonungslos mit ihnen umging. Der neue Chefangestellte habe deutlich gemacht, dass "alle Voraussetzungen erfüllt sind, Haniel nach 256 Jahren gegen die Wand zu fahren", sagt ein Teilnehmer der Diskussionen.
Bei 2,4 Mrd. Euro liegen derzeit die Schulden. Gemkow will sie bis Ende 2013 auf 1,7 Mrd. Euro senken, denn die Summe drückt Haniel gleich doppelt. Einerseits lässt der andauernde Wertverfall der Beteiligungen das Verhältnis der Verbindlichkeiten im Vergleich zum Beteiligungswert ständig ansteigen. Im Juni ermittelte die Ratingagentur Standard & Poor‘s einen Portfoliowert von nur noch 5,4 Mrd. Euro, also ein Schulden/Beteiligungswert-Verhältnis von inzwischen 44 Prozent. Das liegt oberhalb der 40 Prozent, die die Agentur für Investoren noch für zumutbar hält.
Sie stufte Haniel deshalb ebenso auf Ramschstatus wie zuvor schon Konkurrent Moody's . Da der Beteiligungswert seit Jahren nicht steigt, bleibt Gemkow nur, die Schulden zu reduzieren. Der zweite Grund: Haniel lebe derzeit von der Toleranz der Märkte, analysierte Gemkow bereits kurz nach Dienstantritt. Würde die weltweite Niedrigzinsphase zu Ende gehen, würde die steigende Zinslast bei einem unveränderten Verhältnis von Schulden und Erträgen den ganzen Konzern strangulieren.
Mittelfristig muss Gemkow einen Dreisprung schaffen, der derzeit unmöglich erscheint: Schulden reduzieren, Familieneigner wieder mit Dividenden versorgen, Mittel für Investitionen in alte und neue Geschäftsfelder bereitstellen. Denn weil die Zahl der zu versorgenden Familieneigner wächst, braucht Haniel Wachstum. Um dafür frisches Geld zu mobilisieren, kann sich Gemkow immerhin vorstellen, bei einigen der Haniel-Beteiligungen Anteile an Investoren abzugeben. Und er hofft, neues Geld aufzutreiben, damit er Haniels Klumpenrisiko im Handel reduzieren und in Service-Unternehmen investieren kann. Letzteres hatte er als Strategie auch schon bei der Lufthansa verfochten.
Gemkows schonungslose Bilanz führt nun allerdings bereits zu ersten vorsichtigen Absetzvorbereitungen. Das Interesse des Celesio-Chefs Markus Pinger an einem möglichen Ersatzaktionär ist für Gemkow zweifach unerquicklich. Zwar kann Pinger sein Geheiminteresse damit begründen, dass nicht Gemkow, sondern noch dessen Vorgänger an der Haniel-Spitze, Jürgen Kluge, sein Aufsichtsratschef ist. Trotzdem soll Gemkow der neue starke Mann im Haniel-Haus sein. Dass Pinger ihn nicht einweihte, widerspricht allen Usancen.
Zudem könnten Pingers Tastbewegungen Finanzinvestoren auf den Plan rufen. In der Private-Equity-Branche gibt es nach FTD-Recherchen die Bereitschaft, sich mit dem Fall des Pharmagroßhändlers auseinander zu setzen. Schließlich sei Celesio in der Private-Equity-Branche zuletzt immer mal wieder als Ziel diskutiert worden. Der Fall Douglas könnte die Blaupause liefern. Der Handelskonzern (Parfümerien, Thalia-Buchhandlung) wird gerade vom Finanzinvestor Advent für rund 1,5 Mrd. Euro übernommen. Die Gründer- und Großaktionärsfamilie um Vorstandschef Henning Kreke hatte einen solchen Deal angestrebt, damit sich der Konzern mit einem starken Eigner außerhalb der Börse weiterentwickeln kann.
Wenn Finanzinvestoren auch an dem Fall Celesio Gefallen finden und einen attraktiven Preis in Aussicht stellen, könnte es für Haniel schwer werden, dem zu widerstehen. Offiziell streitet Familienoberhaupt Franz Markus deswegen jegliche Planspiele ab als "Gerüchte, die wir klar und hart dementieren". Das soll wohl auch seinen neuen Vorstandschef Gemkow beruhigen. Der schätzt Zündeleien nämlich überhaupt nicht.