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Merken   Drucken   08.03.2011, 12:27 Schriftgröße: AAA

Tankstellen: So entsteht der Benzinpreis

Die Einführung des neuen Biosprits hat den Verbraucher komplett verwirrt. Politik und Mineralölwirtschaft schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Wie funktioniert die Branche? FTD.de zeigt, wie sich der Benzinpreis bildet – und was das Kartellamt sagt. von Georgia Hädicke, Kathrin Werner  und Daniela Leistikow
Der Biosprit-Gipfel soll im festgefahrenen Streit zwischen Politik und Mineralölbranche um die Einführung des neuen E10-Benzins den Durchbruch bringen. Bisher schieben sich Vertreter beider Seiten die Schuld für das Chaos bei der Umstellung auf den neuen Kraftstoff zu.
E10 Kraftstoff an der Tankstelle   E10 Kraftstoff an der Tankstelle
In der vergangenen Woche hatte der Branchenverband der deutschen Mineralölwirtschaft einen Einführungsstopp angekündigt, weil die Nachfrage der Verbraucher nach dem neuen Kraftstoff zu gering war. Autofahrer haben Vorbehalte gegenüber dem neuen Benzin, weil es weniger leistungsstark ist. Zudem fühlen sich viele schlecht über die Einführung des E10 informiert.
Bei der Biospritproblematik wird nicht zum ersten Mal die Intransparenz des deutschen Benzinmarktes bemängelt. Auch das Kartellamt behält die Branche bereits seit Längerem im Blick, weil es Preisabsprachen unter den Konzernen vermutet.
FTD.de zeigt die wichtigsten Marktteilnehmer, wie sich der Benzinpreis zusammensetzt, was das Kartellamt dazu sagt - und warum plötzlich alle nur noch Super Plus tanken wollen.
Insgesamt gibt es in Deutschland nach Zahlen des Energie Informationsdienstes 14.744 Tankstellen. Diese Zahl setzt sich zusammen aus Straßentankstellen und Autobahntankstellen. Marktführer nach Kraftstoffabsatz ist Aral. Die deutsche Tochter des britischen Ölkonzerns BP  hat einen Marktanteil von 23,5 Prozent. Zu ihr gehören 2406 Straßentankstellen in Deutschland. Zweitgrößter Anbieter ist der Shell -Konzern mit einem Anteil von 22 Prozent. Auf Rang drei steht das Unternehmen ConocoPhillips  (Jet-Tankstellen) mit einem Anteil von zehn Prozent. Den Rest des Treibstoffmarktes teilen sich neben Esso und Total einige kleinere und regionale Mineralölfirmen. Gemessen an der Zahl der Tankstellen liegen Esso und Total jedoch vor ConocoPhillips.
Ingesamt lag der Mineralölabsatz 2010 bei rund 78,4 Millionen Tonnen. Das entspricht einem Anstieg um 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Von dem verbrauchten Öl waren 19,7 Millionen Tonnen Benzin und 32,1 Millionen Tonnen Dieselkraftstoff. Bei dem Rest handelte es sich um Heizöl.
Im Januar 2011 kostete ein Liter Superbenzin laut statistischem Bundesamt im Schnitt 1,49 Euro. Ein Großteil des Preises lässt sich nach Berechnungen des Mineralölwirtschaftsverbands auf Steuern und Abgaben zurückführen. So macht die Mineralölsteuer 65,5 Cent am Gesamtpreis aus, und die Mehrwertsteuer weitere 23,8 Cent. Der Deckungsbeitrag, also die Kosten für Transport, Lagerhaltung, gesetzliche Bevorratung, Verwaltung und Vertrieb, schlagen mit 11,9 Cent zu Buche. Der Produktpreis gemäß der Notierung an der Börse in Rotterdam beläuft sich auf 48 Cent je Liter – und ist damit so hoch wie seit Juni 2008 nicht mehr.
Ein Kunde tankt mit dem Kraftstoff E10   Ein Kunde tankt mit dem Kraftstoff E10
Wenn die Preise stark schwanken, so liegt das laut Mineralölbranche an der Nachfrage an den internationalen Beschaffungsmärkten. Gerade wenn am weltgrößten Benzinmarkt USA im Frühjahr die „Driving-Season“ beginnt, bekommen das auch andere Länder zu spüren. Dann sinken die Spritbestände weltweit, die Raffinerien können nicht schnell genug nachproduzieren. Dazu kommen die Spekulanten, die vor der Saison auf steigende Preise setzen. Verstärkt werden diese Effekte aktuell durch die Unruhen in der Golfregion. Vor allem der Produktionsstopp in libyschen Raffinerien hat Auswirkungen auf den Welthandel.
Das Bundeskartellamt nimmt den Tankstellenmarkt seit einigen Jahren immer wieder ins Visier. Es wird vermutet, dass ein Oligopol aus einigen großen Unternehmen die Preise zulasten der Verbraucher nach oben treibt. Im Februar vergangenen Jahres konnte die Behörde allerdings noch kein Gemauschel feststellen. Es könne aber sein, dass Preise durch Abgucken bei der Nachbartankstelle einander angepasst würden, hieß es damals. Das ist jedoch nicht verboten.
Ende Januar diesen Jahres hatte das Amt erneut verschärfte Prüfungen des Sektors angekündigt. Die Wettbewerbshüter sind auf der Suche nach Indizien dafür, dass es immer dieselben Unternehmen sind, die bei Preiserhöhungen ganz vorne dabei sind. Zudem sucht man nach Anhaltspunkten dafür, dass der Benzinpreis häufig mehrmals am Tag stark steigt, aber nur langsam wieder sinkt. Die Experten des Kartellamts prüfen dazu die Preisbewegungen bei jeweils 100 Tankstellen in den vier Modellregionen Hamburg, Köln, Leipzig und München.
Die Umstellung auf Bio-Ethanol-Superbenzin hat zur Folge, dass Tankstellen keine herkömmlichen Superkraftstoffe mehr anbieten. Weil die Verbraucher dem neuen E10 jedoch nicht trauen, steigen viele von ihnen auf das bis zu 8 Cent teurere Super Plus um. Am vergangenen Donnerstag ließ die Mineralölbranche bereits verkünden, dass Spritsorten wie Super Plus mit 98 Oktan allmählich zu verknappen drohen. Im Gegensatz zum alten Superkraftstoff ist die Leistungskraft der Biovariante geringer, was auch den Preisvorteil mindert.
Der Käuferstreik hat ebenfalls zur Folge, dass die Bio-Ethanol-Tanks bei den Herstellern kurz vor dem Überlaufen stehen. Deswegen ist die Produktion laut Mineralölwirtschaftsverband vorerst gedrosselt worden. Die unsichere Zukunft des Biosprit in Deutschland beschäftigte in der vergangenen Woche auch die Anleger.
Die Aktien des Biospritherstellers CropEnergies brachen am vergangenen Donnerstag zweitweise um 14 Prozent ein, nachdem der vorübergehende Einführungsstopp von E10 bekannt geworden war. Beim Wettbewerber Verbio  verloren die Aktien zeitweise mehr als acht Prozent ein. Tags darauf erholte sich der Kurs allerdings wieder.
Nachdem sich Bundesregierung und Industrie zuletzt beim Benzin-Gipfel für die Beibehaltung von E10 aussprachen, reagierten die Aktien der Hersteller mit Kursgewinnen. Papiere von Verbio stiegen zeitweise um 9,4 Prozent, die Anteile von Cropenergies legten zeitweise um 5,5 Prozent zu.
Wer hat schuld am Biosprit-Chaos?

 

Wer hat schuld am Biosprit-Chaos?

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Derzeit gibt es an 45 Prozent der deutschen Tankstellen das Ökobenzin Super E10. Mit der Einführung des Treibstoffes an den Zapfsäulen war in Berlin und Ostdeutschland begonnen worden. Danach wurden Tankstellen in Baden-Württemberg und Bayern umgerüstet. „Es war geplant, sich von dort Stück für Stück Richtung Nordwesten vorzuarbeiten“, sagte eine Pressesprecherin des Mineralölwirtschaftsverbands. „Weil die Einführung an den Tankstellen an die Nachfrage nach E10 angepasst wurde, geht es nun langsamer weiter.“
Das gilt auch für Nordrhein-Westfalen, wo es nur an sehr wenigen Tankstellen E10 gibt. Ursprünglich sollte der Öko-Treibstoff an den Tankstellen großer deutscher Betreiber bis zum Ende des ersten Quartals 2011 verfügbar sein.
Im Jahr 2009 machte der Biosprit 4,2 Prozent des insgesamt getankten Kraftstoffs in Deutschland aus. Sollte es jetzt doch noch einen Ansturm auf E10 geben, räumt der Verband der Biokraftstoffindustrie (VDB) mögliche Engpässe ein. Er schätzt den Bedarf für 2011 auf 1,5 Millionen Tonnen Bio-Ethanol - wenn E10 die hauptsächlich genutzte Sprit-Sorte wäre. Da von diesem Jahr an eine Zertifizierung des Ethanols nötig ist, kann bislang nicht aus Brasilien oder den USA importiert werden. Dort fehlt noch der Nachweis, dass das Ethanol aus nachhaltigem Anbau stammt.
  • FTD.de, 08.03.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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