Jürgen Claassen ist kein Mann der leisen Töne. Meist gibt sich der ThyssenKrupp -Vorstand jovial, bisweilen kumpelhaft, manchmal barsch. Am Mittwoch aber musste sich der oberste Kommunikator des Ruhrkonzerns in ungewohnter Rolle präsentieren. Vor dem 20-köpfigen Aufsichtsrat mit Chefkontrolleur Gerhard Cromme war nach FTD-Informationen eine Entschuldigung fällig. Die Reisen mit Journalisten seien unangemessen gewesen, räumte Claassen vor den Aufsehern kleinlaut ein. Der Aufwand habe nicht in einem angemessenen Rahmen gestanden.
Anlass für diesen Kotau sind Luxusreisen mit Journalisten einzelner Zeitungen nach China und Südafrika. Die Redakteure stiegen in Fünf-Sterne-Hotels ab, flogen first class oder auch im Firmenjet. Die Kosten summierten sich zum Teil auf geschätzte 15.000 Euro pro Reise. In einem weiteren Fall war Claassen ein Fünf-Sterne-Hotel offenbar nicht gut genug. Zur Weltstahltagung 2010 soll der 54-Jährige laut Insidern zwei Journalisten sogar ein Sechs-Sterne-Hotel spendiert haben - in Tokio, einer der teuersten Städte der Welt. Ein Konzernsprecher wollte sich dazu nicht äußern.
Als die "Welt am Sonntag" zuerst über die Reisen berichtete, klang die Stellungnahme aus dem Hause ThyssenKrupp noch recht forsch: Pressereisen seien wie bei vielen Unternehmen ein wichtiger Teil der Medienarbeit. "Die Entscheidung zur Teilnahme obliegt allein den Redaktionen", versuchte man, die Verantwortung abzuschieben.
Dabei ist Claassen im Vorstand eigentlich nicht nur für die Pressearbeit, sondern auch für Compliance zuständig. In dieser Funktion soll er die Regeln ordnungsgemäßer Geschäftsführung überwachen. Ob er dagegen nun selbst verstoßen hat, prüfen neben internen auch externe Prüfer: die auf Steuerrecht spezialisierte Kanzlei Flick Gocke Schaumburg. Und die Strafrechtsexperten Verjans Böttger Berndt mit Kanzleien in Essen und Düsseldorf. Das Ergebnis wird Mitte Dezember erwartet.
Viele sind erbost darüber, dass Claassen in Saus und Braus reist, obwohl der Konzern 2010/11 Milliardenverluste machte und Töchter verkauft, um Schulden abzubauen. Und auch im Vorstand schwindet Claassens Rückhalt. Vor Betriebsräten musste Konzernchef Heinrich Hiesinger vergangene Woche dazu Rede und Antwort stehen. Vorsichtig ging er auf Distanz zu seinem Vorstandskollegen: Alles müsse in der richtigen Balance stattfinden. Hiesinger ist ein Mann der leisen Töne.