Das neue Volkswagen -Werk im Bundesstaat Tennessee könnte zum Einfallstor für die US-Autogewerkschaft UAW auf ihrem Weg nach Süden werden. "Zunächst wird jetzt versucht, in Chattanooga einen Betriebsrat zu installieren", bestätigte die IG Metall in Wolfsburg, die mit der UAW kooperiert. Der deutsche Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte vor wenigen Tagen UAW-Chef Bob King in Deutschland empfangen, um das weitere Vorgehen abzustimmen.
Für die UAW, die über 30 Jahre vergeblich versucht hat, die ausländischen Autowerke in den Südstaaten zu organisieren, bietet Volkswagen nun ideale Bedingungen für einen Vorstoß. Anders als die Werke von BMW und Daimler , die bereits seit den 90er-Jahren in den USA produzieren und sich ohne Gewerkschaft etabliert haben, läuft das VW-Werk in Chattanooga gerade erst an. Seit einigen Wochen wird dort der neue Passat für den US-Markt gebaut, der im September in den Handel kommen soll.
Ein Mitglied des Weltbetriebsrats werde demnächst nach Chattanooga reisen, um Details vor Ort zu klären, hieß es aus VW-Kreisen. Ähnliche Verfahren gibt es derzeit auch an Standorten in Russland und Indien. Es sei für Volkswagen "eine Selbstverständlichkeit, dass sich die Belegschaften gewerkschaftlich organisieren", erklärte der Weltbetriebsrat.
Im Vergleich zu Daimler und BMW, aber auch zu den japanischen Rivalen Toyota und Honda zahlt Volkswagen in den USA deutlich niedrigere Löhne. Arbeiter verdienen zunächst 14,50 Dollar pro Stunde, über drei Jahre steigt der Lohn dann bis auf 19,50 Dollar. Für den Konzern kostet eine Arbeitsstunde damit nach Berechnungen des Center for Automotive Research in Michigan inklusive Lohnnebenkosten lediglich rund 30 Dollar. Bei Toyota , BMW und Daimler liegt dieser Wert bei rund 50 Dollar, bei Ford und General Motors in Michigan sogar noch höher.
Für die Wolfsburger, die schon seit Jahrzehnten zahlreiche Modelle im Billiglohnland Mexiko produzieren, waren die niedrigen Personalkosten ein wichtiges Argument für den Neubau in Tennessee. In der Region rund um Chattanooga waren die Gewerkschaften im vergangenen Jahrhundert zunächst stark vertreten gewesen. Dann folgte ein wirtschaftlicher Niedergang - und ein Neubeginn ohne Gewerkschaften. Die UAW ist daher nicht besonders willkommen.
Volkswagen selbst will die Chancen der Gewerkschaft nicht kommentieren. "Unsere Mitarbeiter werden entscheiden", heißt es lediglich.
Im Januar hatte UAW-Chef King öffentlich angekündigt, noch in diesem Jahr das erste Autowerk in den Südstaaten gewerkschaftlich organisieren zu wollen. Politisch wird er dabei von Präsident Barack Obama unterstützt, der sich von dem Vorstoß der Gewerkschaft faire Wettbewerbsbedingungen verspricht. Bislang leiden die amerikanischen Autokonzerne in Michigan im Vergleich zur Konkurrenz im Süden unter wesentlich höheren Kosten. "Wenn es uns nicht gelingen sollte, die ausländischen Werke zu organisieren, hat die UAW langfristig keine Zukunft mehr", mahnte King eindringlich. Seit Jahrzehnten leidet die Gewerkschaft unter schrumpfenden Mitgliederzahlen.
Um ihren Arbeitern den Anreiz zu nehmen, sich gewerkschaftlich zu organisieren, zahlen BMW und Daimler in South Carolina und Alabama freiwillig Löhne, die deutlich über dem örtlichen Durchschnitt liegen. Zudem bieten sie Sozialleistungen und Weiterbildungen an. Ihre Fahrzeuge werden allerdings auch im Premiumsegment verkauft, wo sich höhere Margen durchsetzen lassen. Volkswagen muss sich dagegen mit dem Passat im preislich hart umkämpften Massenmarkt behaupten.
Parallel zu den Verhandlungen in Chattanooga ringt die UAW derzeit in Michigan mit General Motors, Ford und Chrysler um einen neuen Tarifvertrag. Die US-Konzerne wollen höhere Löhne verhindern - und verweisen dazu ausdrücklich auf die niedrigeren Lohnkosten in den Südstaaten.