In diesen Tagen mischen sich bei Siemens Hektik, Nervosität und Vorfreude. Heute beginnt in Berlin die Siemens Business Conference, zu der der Konzern jedes Jahr seine wichtigsten 600 Führungskräfte weltweit zusammentrommelt. "Die SBC ist für uns wie Weihnachten und Neujahr zusammen", schwärmt ein Siemensianer.
Dieses Jahr ist die Spannung so groß wie selten zuvor. Siemens-Chef Peter Löscher will mit seinen Managern ein neues Sparprogramm besprechen. Das Programm hatte Löscher Ende Juli ohne Details angekündigt und seither Raum für Spekulationen gelassen. Wie aus dem Konzern verlautet, dürften die Siemensianer eher enttäuscht werden. Löscher wird vage bleiben und weder ein Sparziel noch den Stellenabbau beziffern. Die Börsenregularien verbieten nach Quartalsende konkrete Zahlenaussagen, bis am 8. November die Ergebnisse des Geschäftsjahrs veröffentlicht werden.
Dabei ist die Bedeutung des Programms kaum zu überschätzen. "Das ist die letzte Chance, die Glaubwürdigkeit des Managements mit quietschenden Reifen noch um die Kurve zu bringen", heißt es in Konzernkreisen. Allen Wachstumsparolen zum Trotz schrumpfen Siemens' Bestellungen so stark wie seit Jahren nicht. Die 2011 rekordhohen operativen Gewinnmargen erodierten auf den niedrigsten Stand seit Anfang 2007, obwohl der Umsatz in den ersten neun Monaten noch um vier Prozent zulegte.
Rivalen wie der US-Konzern General Electric oder die Schweizer ABB haben den Münchner Industrieriesen zuletzt abgehängt. Zwar wird Siemens 2011/12 wohl noch einen operativen Gewinn von mehr als 5 Mrd. Euro abliefern. Doch was passiert, sollte es demnächst auch mit den Umsätzen bergab gehen? Trotz konjunktureller Warnzeichen stand Siemens bis zuletzt auf dem Gaspedal. Der Konzern hat Milliarden in Wachstum investiert und allein seit April 2011 23.000 Mitarbeiter eingestellt, davon 6000 in Deutschland.
Nach Einschätzung von JP-Morgan-Analyst Andreas Willi muss Siemens die Kosten in den nächsten zwei Jahren um 4 Mrd. Euro senken, um das Margenniveau von 2011 wieder zu erreichen. Angesichts der Probleme mit der Stromübertragung und den Windrädern bis hin zur Zugsparte und dem Sektor Infrastruktur & Städte lästert ein Berater schon: Siemens sei "ein riesiger Restrukturierungsfall".
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In dieser Lage wirkte Löscher zuletzt eher wie ein Getriebener als ein Treiber. Das Programm war, so berichten Insider, bis kurz vor der Quartalsveröffentlichung Ende Juli gar nicht vorgesehen. Siemens' Kommunikationschef fügte den Sparplan erst am Vorabend der Zahlenvorlage in Löschers Rede ein. Zu groß war der Druck aus dem Aufsichtsrat. So kündigte Löscher am nächsten Tag ein Programm an, dem der Inhalt fehlte.
Auch dessen Ausarbeitung durch Strategiechef Peter Herweck begleitet Löscher eher aus der Ferne. Herweck stimmt sich vor allem mit Finanzvorstand Joe Kaeser und Industrievorstand Siegfried Russwurm ab. Kaeser warnte Aufsichtsratskreisen zufolge bereits im Januar vor dem starken Kostenaufbau. Vor zwei Wochen nannte er auf einer Analystenkonferenz erstmals drei Schwerpunkte des Programms: Der Konzern will die Umsetzung in marktreife Produkte verbessern, die Produktivität in Produktion und Entwicklung erhöhen und einen stärkeren Fokus auf das Geschäftsportfolio richten.
Zudem stellte Kaeser heraus, wie schlecht Siemens seine Wachstumsausgaben in Gewinne umgesetzt hat: Die Herstellungskosten stiegen bereits 2010/11 stärker als der Umsatz. Die resultierende Bruttomarge rutschte von 32,1 Prozent im Weihnachtsquartal 2010 auf 28,4 Prozent im Sommerquartal 2011 und verharrt dort seither. "2011 hat der Vorstand ein bisschen die Hände vom Steuer genommen", diagnostizierte ein Investmentbanker.
Mancher glaubt, die Ursache für die Malaise liege zwei Jahre zurück. Statt ein Nachfolgeprogramm für das ausgelaufene "Fit4-2010"-Programm zu starten, setzte der Vorstand im November 2010 auf ein unverbindlicheres Zielsystem namens "One Siemens": Demnach soll Siemens schneller wachsen als die Rivalen und bei deren Margen mithalten. Eine Kapitalrendite von 15 bis 20 Prozent bei moderater Verschuldung soll zudem den effizienten Einsatz des Aktionärskapitals sicherstellen.
Siemens sei "ein normales Unternehmen der Spitzenklasse" und brauche keine Restrukturierung mehr, begründete Löscher damals - fünf Monate bevor er den nächsten Umbau ankündigte. Schneller gewachsen ist Siemens trotzdem nicht.