Bei den energieintensiven Industrien deutet sich eine Trendwende zugunsten des Standorts Deutschland an. Der norwegische Alukonzern Norsk Hydro entmottet seine Hütte in Neuss und verdreifacht die Jahresproduktion ab 2013 von 50.000 auf 150.000 Tonnen. "Damit zeigen wir, dass Deutschland seine energieintensiven Industrien erhalten kann, wenn die Politik den richtigen Rahmen setzt", sagte Konzernvorstand Oliver Bell am Dienstag in Neuss.
Jahrelang hatten stromintensive Firmen mit Auswanderung gedroht. Nun schlägt Deutschland sogar das Rohstoffland Australien - jedenfalls aus Hydro-Sicht. Dort schließt der Konzern seine Hütte Kurri Kurri mit 180.000 Tonnen Kapazität.
"Einer der Gründe ist der starke australische Dollar", sagte Bell der FTD. Doch zudem hat das Land eine CO2-Steuer eingeführt. Hierzulande pokert Hydro dagegen mit Aussicht auf Erfolg um eine Befreiung von Klimaabgaben: Bell machte die definitive Entscheidung über das Neusser Rheinwerk davon abhängig, dass Berlin eine EU-Leitlinie zur sogenannten CO2-Kompensation noch 2012 umsetzt. Danach können der Industrie bestimmte Kosten erlassen werden, wenn Emissionsrechte ab 2013 erstmals nicht mehr gratis zugeteilt werden. Hydro will damit in Neuss jährlich 7 Mio. Euro einsparen, bei Energiekosten von insgesamt 100 Mio. Euro.
Die Chancen dafür stehen gut. "Die Bundesregierung wird von der Möglichkeit der Strompreiskompensation Gebrauch machen", erklärte Wirtschafts-Staatssekretär Stefan Kapferer in einem Schreiben an die Grünen, das der FTD vorliegt. Die Regelung werde zügig verabschiedet, hieß es in der Bundesregierung. Hydro hat gute Gründe, Tempo zu machen. Schafft das entmottete Rheinwerk 2013 mehr als 7000 Betriebsstunden, winkt ein weiterer Zuschuss: die volle Befreiung von den Netzentgelten.
Energieintensive Branchen wie Glas, Chemie oder Zement - und vorneweg die Aluhütten - profitieren von zahlreichen Privilegien gegenüber Kleinverbrauchern. Die Researchfirma Arepo Consult bezifferte die Entlastung für 2012 in einer Studie auf mehr als 9,1 Mrd. Euro. Das könnte immer mehr Firmen zum Umdenken bewegen, glaubt die Großverbraucher-Lobby VIK. "Der Schritt von Hydro ist ein gutes Zeichen, dass die Unternehmen langfristig Perspektiven sehen", sagte ein Sprecher. Die unmittelbaren Effekte sind indes überschaubar. Hydro investiert nur 10 Mio. Euro in das Wiederanfahren, die Zahl der Jobs sinkt sogar leicht auf 620. Die Zusatzproduktion schafft das Unternehmen durch die Beendigung der Kurzarbeit nach über drei Jahren.
Hydro profitiert im Rheinland von einem engen Produktionsverbund der Hütte mit eigenen Walzwerken und Veredelungsbetrieben. Bisher wurden diese mit zugekauftem Material versorgt. "Die Hütte hat strategische Bedeutung für uns", sagte Bell. Das hatte den Konzern freilich nicht davon abgehalten, die Fertigung 2009 auf die Restgröße von 50.000 Tonnen zu drosseln. Begründung damals: zu hohe Strompreise. Diesmal stach Vattenfall beim über fünf Jahre laufenden Vertrag zur Lieferung der enormen Strommenge von elf Millionen Megawattstunden Platzhirsch RWE aus. Ausschlaggebend dafür sei allein der günstigere Preis gewesen, so Bell.