Volkswagen spürt erste Anzeichen der Absatzkrise in Europa. Die Gewinne von Europas größtem Autokonzern wachsen zwar, allerdings langsamer als zu Jahresbeginn. Damit erreichen erste Ausläufer der Konjunkturflaute auch den bisher extrem verwöhnten Wolfsburger Hersteller. Die weiterhin gute Nachfrage für Fahrzeuge der VW-Konzernmarken in China und den USA konnte zuletzt die Folgen des Käuferstreiks in Europa nicht ganz ausgleichen.
So stieg das operative Ergebnis von VW im zweiten Quartal um 3,4 Prozent auf knapp 3,3 Mrd. Euro. Das war aber ein deutlich kleinerer Zuwachs als zu Jahresbeginn: Im ersten Quartal hatte es hier noch ein Plus von zehn Prozent gegeben. Das Management kündigte zudem Disziplin bei Ausgaben und Investitionen an, um das Ziel zu erreichen, 2018 Weltmarktführer zu werden.
Anleger waren in den vergangenen Monaten aufgrund des hohen Wachstumstempos des VW-Konzerns extrem verwöhnt. Dementsprechend nervös reagierten sie auf die aktuellen Daten. VW-Aktien fielen bis zum frühen Nachmittag zeitweise um 3,6 Prozent - und das einen Tag, nachdem Konkurrent Daimler nach seinen Quartalszahlen eine Kursrally hingelegt hatte. Die Papiere sänken, weil "alles, was schwächer ist als das erste Quartal, als negativ angesehen wird", sagte David Arnold, Analyst bei Credit Suisse in London, zu Bloomberg.
Die Nord/LB stufte die Volkswagen-Vorzugsaktie von "Kaufen" auf "Halten" zurück. Die hohen Verkaufszahlen dürften sich im zweiten Halbjahr nicht fortsetzen lassen, schrieb Analyst Frank Schwope.
Von einer Krise wie Teile der Konkurrenz ist VW jedoch noch meilenweit entfernt. Während andere Massenhersteller wie PSA Peugeot Citroën , Fiat oder die GM -Tochter Opel laut unter dem Einbruch der Automärkte in Europa ächzen, verbuchte die VW-Gruppe im ersten Halbjahr ein Absatzplus von zehn Prozent. Der Quartalsvergleich zeigt hier immerhin eine Steigerung von 9,5 Prozent.
Dem Autobauer Ford verhagelten dagegen rote Zahlen im Europa-Geschäft das Ergebnis. Für 2012 erwartet der US-Autokonzern mehr als 1 Mrd. Dollar Miese in Europa und stellt sich auf fünf Jahre Krise in der Region ein. Der Traditionskonzern Opel, einst auf Augenhöhe mit VW, kämpft verzweifelt ums Überleben.
Peugeot rechnet angesichts der größten Absatzkrise seit fast 20 Jahren in Europa dieses Jahr mit einem Milliardenverlust und will ein Werk schließen. Kurz nach der Ankündigung, 8000 Stellen zu streichen, legte die französische Regierung ein Mini-Programm zur Ankurbelung der Branche auf: Der Kauf von Elektro- und Hybridautos soll mit mehr Geld vom Staat gefördert werden.
VW steht demgegenüber glänzend da, vor allem, wenn man das komplette erste Halbjahr betrachtet: Von Januar bis Juni wuchs das operative Ergebnis auf knapp 6,5 Mrd. Euro. Das seien 6,7 Prozent mehr als vor Jahresfrist, berichtete das Unternehmen am Donnerstag in Wolfsburg. Gleichzeitig schnellte das Ergebnis nach Steuern in diesen sechs Monaten um 35,9 Prozent auf etwas mehr als 8,8 Mrd. Euro nach oben. Das Baukastensystem, also die Verwendung gleicher Teile für unterschiedliche Modelle, werde sich künftig noch positiver auf die Kosten auswirken, schätzt das Management.
In Westeuropa gingen die Verkaufszahlen zwar ebenfalls zurück, die Wolfsburger profitierten aber davon, dass ihre Fahrzeuge vor allem in Nordamerika, Osteuropa, Asien und Deutschland weiter stark gefragt sind.
Außerdem lässt sich mit teuren Oberklasse-Limousinen, wie sie VW etwa unter der Marke Audi im Angebot hat, mehr Geld verdienen als mit Klein- und Kompaktwagen. Weltweit verkaufte der VW-Konzern im ersten Halbjahr 4,6 Millionen Fahrzeuge. Der Umsatz legte binnen sechs Monaten um 22,6 Prozent auf knapp 95,4 Mrd. Euro zu.
Für das Gesamtjahr bekräftigte der Hersteller die Prognose, wonach der Umsatz steigen und der Betriebsgewinn das Niveau des Jahres 2011 erreichen soll. "Wir gehen davon aus, unsere gesteckten Ziele für das Gesamtjahr zu erreichen. Unsere breite globale Aufstellung und die Mehrmarkenstrategie sind zusammen mit dem vielfältigen Finanzdienstleistungsangebot die zentralen Wettbewerbsvorteile des Volkswagen-Konzerns", sagte VW-Vorstandschef Martin Winterkorn.
Die Schwäche in Europa behält der Hersteller aus Niedersachsen im Blick: Das Marktumfeld in einigen europäischen Ländern sei herausfordernd, der Wettbewerb werde intensiver, hieß es. Aus Sicht der gesamten Branche ist der Pkw-Absatz in Europa seit Monaten auf Talfahrt. Im ersten Halbjahr wurden hier so wenig Autos verkauft wie zuletzt 1994. VW hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2018 größter Autobauer der Welt zu werden.