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Merken   Drucken   05.09.2011, 16:54 Schriftgröße: AAA

Umbrüche im Konzern: Der große Machtpoker bei EADS

Deutsche und Franzosen führen gemeinsam einen riesigen Luftfahrt- und Rüstungskonzern. Doch Deutschland fürchtet um seinen Machterhalt. Denn Großaktionär Daimler will einen Anteil an EADS abstoßen. FTD.de zeigt die Konfliktlinien. von Gerhard Hegmann  , Annette Berger  und Marcell Haag 
Multinationales Flugzeug im Dienste der Air France: Ein Airbus A320 ...   Multinationales Flugzeug im Dienste der Air France: Ein Airbus A320 auf einem Flughafen
Es sind ein deutscher Autokonzern und ein französischer Medienunternehmer, die das Gleichgewicht bei EADS  stören. Daimler  und Arnaud Lagardère wollen erneut Anteile an dem deutsch-französischen Konzern verkaufen. Seit Monaten läuft die Suche nach einem Abnehmer für die Daimler-Aktien, in die sich auch die Bundesregierung eingeschaltet hat.
EADS-Großaktionär Lagardère baut seinen Anteil ab - genau wie ...   EADS-Großaktionär Lagardère baut seinen Anteil ab - genau wie Daimler
Nachdem der Autokonzern und Lagardère schon 2006 jeweils 7,5 Prozent ihrer Anteile abgaben und Daimler 2007 nochmals 7,5 Prozent an ein Bankenkonsortium verkaufte, stehen jetzt also weitere Verkäufe an.
Doch dabei könnte das bislang austarierte Machtgefüge bei dem Luftfahrt- und Rüstungskonzern durcheinander geraten. Die drängende Frage lautet: Wie bleibt Deutschlands Einfluss stark? Eine Möglichkeit: Die bundeseigene KfW-Bank würde Anteile übernehmen, die bislang Daimler gehören.
Wie die Franzosen deutsche Anteilseigner aus dem EADS-Konzern ...   Wie die Franzosen deutsche Anteilseigner aus dem EADS-Konzern drängen lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von Capital
Die European Aeronautic Defense and Space Company (EADS) ist ein multinationales Unternehmen. Dessen Entscheidungsstrukturen sind in einem umfangreichen Grundlagenvertrag festgezurrt.
Die EADS-Gründerväter wollten eine deutsch-französische Machtbalance schaffen, zugleich den Konzern gegen feindliche Übernahmen schützen - und auch noch für Investoren attraktiv machen. Vor elf Jahren als Zusammenschluss der deutschen Dasa, der französischen Aérospatiale und der spanischen Casa entstanden, ist das Unternehmen vor allem ein Sinnbild der deutsch-französischen Wirtschaftspolitik.
22,5 Prozent befinden sich - über die Zwischenholding Sogeade - in der Hand des französischen Staates und des Medienkonzerns Lagardère. Daimler war die Rolle zugedacht, das deutsche Gegengewicht mit einem gleichen Anteil zu halten. Noch besitzt der Stuttgarter Autohersteller 22,5 Prozent der Stimmrechte und 15 Prozent des Kapitals.
In den kommenden Wochen dürfte die deutsch-französische Machtverteilung immer wieder ein Thema sein. Was macht der Bund? Können neue private deutsche Investoren gefunden werden, die den Einfluss der Bundesrepublik sichern?
Etwas zu besprechen: Airbus-Chef Thomas Enders und EADS-Konzernchef ...   Etwas zu besprechen: Airbus-Chef Thomas Enders und EADS-Konzernchef Louis Gallois (r.)
Vorstandschef bei EADS ist der Franzose Louis Gallois. Vorsitzender des Verwaltungsrates - also Chefkontrolleur - ist wiederum ein Deutscher: Bodo Uebber. Der Manager ist Finanzvorstand beim Aktionär Daimler. Vorstandschef der größten EADS-Sparte Airbus ist mit Thomas Enders ebenso ein Deutscher.
Von den legendären konzerninternen Streitigkeiten bei EADS drang in jüngster Zeit kaum mehr etwas nach außen. In früheren Jahren gingen Franzosen und Deutsche gern mal - mehr oder weniger öffentlich - aufeinander los. Da wurden Gerüchte während der juristischen Aufarbeitung eines Insiderskandals gestreut, der schließlich in sich zusammenfiel. Oder es wurden Schuldige gesucht, als die Verkabelung beim Riesenairbus A380 Probleme machte - was einer der Gründe der verspäteten Auslieferung des Großraumjets war. Die Rede war von einem "Silodenken", in dem jeder vor sich hinarbeitete, ohne sich wirklich auszutauschen.
Kursinformationen und Charts
  EADS 26,925 EUR  [-0.09 -0,33%
  Daimler 37,43 EUR  [-0.515 -1,36%
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Die bis dahin üblichen deutsch-französischen Doppelspitzen beim Vorstand und Verwaltungsrat schafften Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy 2007 ab. Dafür wurde das Rotationsprinzip postuliert, das im Juni 2012 erstmals greift: Der 67-jährige Gallois soll dann einem Deutschen Platz machen.
Als Favorit für den Chefposten im Konzern gilt der 52-jährige Deutsche Enders. Dessen Platz als Airbus-Chef wird dann voraussichtlich sein bisheriger Stellvertreter einnehmen: der Franzose Fabrice Brégier. Auch der Verwaltungsratsvorsitzende wird neu bestimmt: Da ein Deutscher den Konzernvorsitz übernimmt, ist ein Franzose als Chefkontrolleur vorgesehen. Als Favorit gilt der französische Medienunternehmer und Großaktionär Lagardère.
Dieser bekräftigte in diesen Tagen noch einmal seinen Anspruch: "Ich sage, dass ich der Kandidat bin, weil ich es will, aber auch, weil es 2007 entschieden worden ist, dass ich 2012 der Kandidat sein werde", sagte der 50-Jährige in dieser Woche der Pariser Wirtschaftszeitung "Les Echos".
Airbus-Maschinen des Typs A319, A320 und A340   Airbus-Maschinen des Typs A319, A320 und A340
Die größte Sparte des EADS-Konzerns ist der Flugzeughersteller Airbus. Er steuert rund zwei Drittel zum gesamten Umsatz bei. Die heutigen Produktionsstandorte mit den Schwerpunkten in Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Spanien sind das Ergebnis aus der 40-jährigen Airbus-Geschichte und industriepolitisch ausgehandelter Arbeitsanteile.
Der ehemalige britische Airbus-Mitgesellschafter BAE Systems verkaufte 2006 seine Airbus-Werke an EADS. Seither dominieren Deutschland und Frankreich bei der zivilen Flugzeugproduktion, während in Spanien die Endmontage für den Militärtransporter A400M angesiedelt ist. Von den mehr als 122.000 EADS-Beschäftigten arbeiten rund 63.000 bei Airbus.
Vision So will Airbus uns fliegen lassen
Sitz des Flugzeugherstellers ist Toulouse. In der südfranzösischen Stadt befindet sich auch das größte Werk mit der einzigen Endmontage für die Modelle A330, A340, A380 und künftig für das neue Modell A350. Auch ein Teil der A320-Modelle wird hier produziert.
Das zweitgrößte Werk ist in Hamburg. Dort im Stadtteil Finkenwerder befindet sich die Endmontage für die A320-Familie, also den A318, A319, A320 und A321. Beim Großraumflugzeug A380 übernimmt Hamburg die Innenausstattung für alle Maschinen und liefert einen Teil der A380-Flieger aus. Sollte es eines Tages ein komplett neues A320-Modell geben, so soll es vor allem in Deutschland endmontiert werden. Auch in China gibt es eine A320-Endmontage.
Das Hubschrauberunternehmen Eurocopter ist größtenteils ebenfalls verteilt zwischen Frankreich und Deutschland. Unternehmenssitz und größter Standort ist Marignane in Süd-Frankreich mit 6600 Mitarbeitern, dahinter kommt Donauwörth mit 4100 Mitarbeitern.
Seinen Hauptsitz ebenfalls in Frankreich hat die Raumfahrtsparte Astrium, die unter anderem Ariane-Raketen baut. Astrium hat über 15.000 Beschäftigte. Die Zentrale steht in der Hauptstadt Paris. Größte deutsche Standorte sind Bremen und Friedrichshafen mit jeweils rund 1000 Mitarbeitern.
Die große Sicherheits- und Rüstungssparte Cassidian mit mehr als 21.000 Beschäftigten hat ihren Verwaltungssitz in Deutschland, in Unterschleißheim bei München. Größter deutscher Standort der Sparte ist Manching bei Ingolstadt mit etwa 5000 Beschäftigten.
Von den insgesamt über 122.000 EADS-Mitarbeitern arbeiten in Frankreich mit 45.580 Beschäftigten etwas mehr als in Deutschland. Hierzulande waren es zuletzt knapp 45.000.
Comac aus China - hier ein Modell - will mit seiner C919 den Markt ...   Comac aus China - hier ein Modell - will mit seiner C919 den Markt aufrollen
Bislang dominieren Airbus aus Europa und Boeing  aus den USA den Markt für Passagierflugzeuge mit mehr als 100 Sitzen. Doch die Lage ändert sich. Andere Hersteller machen sich zum Angriff bereit: Ein Beispiel ist der chinesische Flugzeugbauer Comac, der mit seinem Modell C919 in den Markt vordringen will. Die Erstauslieferung soll 2016 erfolgen.
Businessjets Womit Chefs fliegen
Neben China drängen auch Russland, Kanada und Brasilien mit Eigenentwicklungen in den Passagierflugzeugmarkt. Als besonders weit fortgeschritten gilt das C-Series-Projekt des kanadischen Herstellers Bombardier.  EADS-Chef Gallois macht sich auf mehr Konkurrenz gefasst. Er rechnet damit, dass es 2020 weltweit sechs Hersteller gibt - anstatt der jetzigen zwei.
Auch bei Kampfflugzeugen ist die Vormachtstellung der USA und Europas gefährdet. Vor allem der russische Hersteller Sukhoi sorgt mit Neuentwicklungen für Aufsehen. Russland hilft wiederum Indien und China bei eigenen Modellen.
  • FTD.de, 05.09.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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